Jürgen Lodemann
Schriftsteller, Filmemacher

Jürgen Lodemann persönlich?
















"Gruß aus der Kanonenstadt". Geburtsort Essen? Krupp-Werbung 1914 in  Essen. Zum Start der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts"  "Essener Gruß" - - -

 



Zwei Krupp-Flugblätter am Beginn von Weltkrieg Eins.

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Sehr anders und viel klarer sah das alles schon mal (unten) der "Kladderadatsch", 1867:



Bücher- und Filmemacher Lodemann kam in Essens Krupp-Klinik zur Welt am 28. März1936 als dritter Sohn (s. "Der Solljunge", Vater Bauernsohn, Mutter Krankenshwester) . Die sehr alte Stadt Essen war 1936 Europas größte Stadt für Stahlproduktion, zugleich größte Bergbaustadt für Kohle-Förderung, 2010 "Europas Kulturhauptstadt".

Die Mutter Krankenschwester in Westfalen, dann Berlin, der Vater ältester Bauernsohn in Niedersachsen. Statt  Landwirt zu werden auf einem großen Hof bei Celle, wollte er lieber die Zukunft studieren, nämlich Elektrotechnik in der TH Hannover, wurde Elektro-Dipl.-Ingenieur. Seine drei Kinder, drei Söhne, machten in Essen Abitur am naturwissenschaftlichen Helmholtz-Gymnasium. Der Jüngste, acht und zehn Jahre jünger als die Brüder, folgte gleichfalls dem Nazurwissenschaftlichen. Der Vater, in Essen seit 1925 bei der Allgemeinen Elekrizitäts-Gesellschaft AEG, hoffte, auch seine Söhne würden Zukünftiges studieren. Der Letzte allerdings ergab sich lieber der Vergangenheit, in Freiburg der Literaturgeschichte, der Altgermanistik, dann der Erdgeschichte, "Erdkunde",  nämlich Metereologie, Geologie, mit Lust  der Geomorphologie, warum die Erde so wechselvoll aussieht wie sie halt aussieht. Promovierte 1962  über 1848: Lortzing und seine Spielopern. Deutsche Bürgerlichkeit - als Feiheit? Bestand das Rigorosum in neuer wie alter Germanistik und Geophysik, für die Schulfächer Deutsch und Geographie. 1963 in diesen Fächern auch das Staatsexamen fürs "Lehramt an Höheren Schulen".

1963/64 Zeitungsvolontär in Essen, Hamburg und Berlin (Springer-Verlag mit "Welt", "Welt am Sonntag", "Welt der Literatur", die entstanden damals für West- und Süddeutschland in Essen). Von 1965 bis 1995 beim Fernseh-Sender Südwestfunk in Baden-Baden, die Wohnung jeweils in  umliegenden Weindörfern, ab 1964 verheiratet, zwei Söhne. Als Filmemacher Dokumentarfilme vor allem über das Ruhrgebiet (siehe hier "FILME"). Ab 2.Januar 1972 Moderation, Produktion und Redaktion der Fernsehreihe Literaturmagazin, ab 1983 unterm Titel Café Größenwahn. Seit 1975 monatlich mit der "Anti-Bestsellerliste", der Bücherbestenliste des SWF (heute SWR), also statt aller Umsatzpropaganda eine Qualitätsliste mit vielköpfiger Jury. Als Juroren und hälftig Jurorinnen möglichst hundert "Berufsleser". Die Zahl 100 scheiterte am kleinsten Etat der Sender, an dem für "Kultur". Immerhin blieb die Liste bis heute wirksam, weiterhin mit monatlich gut 30 Büchermenschen, die jeweils zu bekunden hatten, welchern neuen Büchern sie "die meisten Leser wünschen" (Suhrk.-Taschenbuch 2492). - Früh Mitarbeit bei ZEIT, FR, FAZ, WAZ, TAZ. Neben  den monatlichen Sendungen und den Dokumentarfilmen auch Romane, Essays, Theatertexte .

1975 Debut mit "Ruhrsprache", beim UrSchweizer Diogenes-Verleger Daniel Keel, beim Lektor Gerd Haffmans: "Anita Drögemöller und Die Ruhe an der Ruhr". 1976 "Lynch und Das Glück im Mittelalter",  historisches englisch-irisches Kooperations-Wunder in Galway, das als Fischerhafen am Atlantik zur Handelsstadt aufstieg. Im dramatischen Finale geschieht der früheste Fall Lynch. Bei Diogenes 1977 "Phantastisches Plastikland" (USA-Reise "im rollenden Familienhaus"), "Im Deutschen Urwald" (Geschichten, Gedichte) und 1985 "Essen Viehofer Platz". 1980 als "autobiographischer Roman": "Der Solljunge. Ich unter den anderen"  (alles mit viel Echo, siehe hier "BÜCHER").

1980 im Theater Bochum das Lustspiel AHNSBERCH, gleichfalls in Ruhrsprache. Bei Thienemann in Stuttgart Jugendbücher: "Jahrtausendflug" (erstmals zum Mars) "Hucke Bums und Frauke Butt" und "Siegfried" (erstmal ins Hochmittelalter). 1996 "Meine Medienmemoiren" (Isele). 1998 bei Steidl in Göttingen "Muttermord" und 2000 "Lortzing", 780 Seiten über den musikantischen Kommödianten, 1848er, Freiheitsbürger und ersten Verfasser einer Arbeiter-Oper. Im neuen Jahrtausend bei Klett-Cotta (zugleich bei dtv): "Siegfried und Krimhild. Die Nibelungenchronik". Die fast 900 Seiten kamen 2002 (7 Jahre nach der Verrentung des Autors) zweimal auf Platz Eins der "Bestenliste des SWR". Bei Asso in Oberhausen "Nora und die Gewalt- und Liebessachen". Bei Klöpfer&Meyer in Tübingen der Freiburg- und Undinen-Roman "Salamander". Bei Klartext in Essen "Paradies, irisch", der ergänzte und präzisierte Lynch-Roman.  In Tübingen die Novelle "Fessenheim" über das AKW neben Freiburg, das Freiburg bei Erdbeben binnen 30 Minuten unbewohnbar gemacht hätte. Dann die öffentlichen Reden in "Gegen Drachen", zum Beispiel gegen S 21, gerdet im Großen Rathaussaal Stuttgart. Der Zukunfts-Entwurf "MARS AN ERDE" wurde soeben Satz für Satz erneuert zu: "SCHLAGENDE WETTER. Report vom Roten Planeten" (siehe  "BÜCHER" und "Texte-Chronik").  

Im PEN-Zentrum, 1983/84 Bernt Engelmanns Vize im Vorstand des deutschen Schriftstellerverbands, Vorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg,  dort mit Walter Jens "Ehrenvorsitz",  Lehraufträge an Universitäten in Essen, Stuttgart, Frankfurt, Marburg, Freiburg , 2004 in Gainesville/Florida.

1978 Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. 1987 Essener Dramatikerpreis. 1988 Literaturpreis Ruhrgebiet. Für "Siegfried und Krimhild" 2002 Phantastikpreis der Stadt Wetzlar und - als letzter Preisträger - Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart. 2004 "poet in residence" an der Universität Gainsville/Florida. 2005 „Professor des Landes Nordrhein-Westfalen“ durch das Kulturministerium Düsseldorf "in Anerkennung seines Engagements für die Kultur des Ruhrgebiets". 2008 poet in residence an der Universität Essen/Duisburg. 2009 "writer in residence" an Irlands National-Universität Galway.







Warum heißt die Stadt Essen Essen?

Weil schon oder noch im Schwedischen die Eschen "Essen" heißen und weil das Ruhrrevier vor tausend und mehr Jahren den imposanten Waldbestand hatte, den die Großstädte Bochum ("Buchenheim") und Essen ("Eschen-Ort") in ihren Namen und  in ihren südlichen Teilen noch heute bieten. Lodemann, aufgewachsen im Essener Stadtwald, in der Drosselstraße, die über den verlängernden "Drosselanger" von der "Heimliche Liebe" herab einen Blick liefert hinab auf Krupps  üppig umwaldete "Villa Hügel", was sein autobiographischer Roman "Der Solljunge" detailliert mitteilt und fast alle Romane.

Ausgiebig wird in bisher jeder alten und authentischen Siegfried-Quelle oder Nibelungen-Version mitgeteilt, dass die weisen Frauen ("Meerfrauen" heißen sie im Epos, locken dort in die Donau), dass diese geheimnisvollen Superfrauen der Nibelungensage alt- oder mittelhochdeutsch die "Idisi" sind, etwa in den "Merseburger Zaubersprüchen": "Idisi heri lezidun" - "kluge Frauen hemmten das Heer", das heißt: sie blockierten das Militär. Und dass tut dann auch einer, der in Xanten aufwuchs und der diese Idisi (später hießen sie "Hexen") am ehesten erreicht haben dürfte in der Nähe von Eschen, ergo am besten in Asnidhe - (lateinisch asnithi) - im "Eschen-Ort" Essen. Die Esche hatte halt mythischen Rang, nicht erst wegen der Welten-Esche YGGDRASIL.

Essen, im Altdeutschen und noch zur Zeit Karls des Großen Asnidhe, wird übers Lateinische assinthi zu Assint und  in den städtischen Chroniken dann zu Essend. Noch im 16. Jahrhundert heißen da Flugblätter "Essendische Nachrichten". Essen blieb dann tausend Jahre lang mit einem Adelsstift für fromme Jungfrauen deutschlandweit wichtig und hütet deswegen noch jetzt einen riesigem Domschatz beim Bischofs-Münster, das so alt und so romanisch ist wie der Aachener Dom. Und Essen im Industrie-Zeitalter? In Lodemanns Geburtsjahr 1936 ist es Europas größter Bergbau-Ort und zugleich, unter Krupp, Europas größte Stahlstadt. Sie ist Jahrhunderte älter als etwa Freiburg - wie alle Großstädte im Ruhrgebiet, wie Duisburg, Bochum, Dortmund, Essen. Hier die Westseite des Essener Münsters "am Burgplatz":










WOHNORTE des Jürgen Lodemann waren: In Nazizeit und Krieg Essen, auch am Ostrand des Ruhrreviers in Ahlen in Westfalen, dann Celle und Stedden an der Aller. Und viele Kliniken. Und dann, in den 30 Arbeitsjahren beim Sender Weindörfer südlich Baden-Baden. Danach Karlsruhe, wo für die Kinder in der Waldstadt eine Waldorfschule zu gründen war. Nach 1995 zehn Jahre Wohnung in Irlands Atlantikstadt Galway.

Als Rentner sieben Jahre in Horben oberhalb Freiburg, unter Freiburgs Hausberg "Schauinsland". Seit 2005 Wohnung im Freiburger "Vorbildviertel" "Vauban", in Freiburgs Stadtteil mit den wenigsten Autos und den meisten Kindern. Näheres  im Freiburg-Roman "Salamander" oder hier weiter unten im Text über dem alten Bild mit der jungen Mutter und den Brüdern in einer Essener Wanne.


1932. Die schöne Mutter im Essener Stadtwald-Viertel, mit den älteren Brüdern Rudolf und Gert. Jürgen kam erst 1936 zur Welt, der "Solljunge".


Als Friedel Siegmann war sie Rotkreuz-Schwester gewesen in der Bochumer Klinik für Bergleute. Auf einer Bahnfahrt  nach Berlin 1925 saß ihr gegenüber Friedrich Lodemann, "der Studierte", 34jährig. Friedrich Lodemann sprang im Berliner Bahnhof auf, hob ihr den schweren Koffer aus dem Gepäcknetz - der Griff riss. "Das geht auch gut ohne", habe der gesagt. Hätte sich den Koffer unter den Arm geklemmt. Nannten sich ab dann beide "Friedel", gut 50 Jahre lang.

Wohnung hatte ich immer auch in der Zwölf-Großstädtestadt-Ruhr. Noch zuletzt bei Freunden in Essen-Steele, deren vormaliges "Herrenhaus" inzwischen stark altert unter einer enormen Esche. Die zogen dann dorthin um, wo in Essen-Rellighausen meine Grund- oder "Volksschule" stand und wo ich mich in die erste Lehrerin sofort verliebte, sie hieß "Fräulein Durchleuchter", hatte rote Backen und ich durfte sie bsuchen.




In NRW per Briefpost oder Mail bin ich noch heute - seit 2017 - erreichbar über das Heine-Institut, Bilker Straße 12-14, 40213 Düsseldorf, 0211-8995564, dort vor allem über den kundigen Martin Willems.



Vater Friedrich, 1925





1937,  die Brüder 8 und 10 Jahre älter.

Lungenbefund des Kinder-Doktors Nedelmann: "Hiliusdrüsen-TB"

Mit der Krankenschwester-Mutter drum oft an die See,  in die Alpen.



"Essen Stadtwald, Drosselstraße 24", 27 Jahre erste Adresse des Filmemachers.














 1939 Schwert-"Leithe" für den Dreijährigen. Die Brüder nun 13 und 11 (10 Jahre später eigenhändig ausgeschnitten aus vieler Verwandtschaft):






1941, im Stadtwald hinter Essens höchstem Punkt, hinter der "Heimlichen Liebe", unterwegs zur "Schwarzen Lene". Der Bruder ist an diesem 19. April 15 geworden und "größer als die Mutter". Seit  März bin ich 5.

1941 viele weiße Figuren, Mutter mit weißem Hut, hinter dem  Kinderwagen ich. Glaube noch jetzt die Mutter der Zwilinge  zu hören, wie sie "meine Polin" lobt: "Die bleibt immer vergnügt, auch beim Bomben-Angriff. Keine Angst, Frau, mir tun die ja nichts."




1942 im Essener Stadtwaldviertel in der oberen Drosselstraße, im Mai, und der Vater sagt, ich soll mich unter den blühenden Baum stellen.  Als das Foto geknipst ist, grüßt er einen älteren Passanten mit "Heil Hitler". Der alte Mann grüßt zurück mit "Grüß Gott". Auf dem Weg hinauf zur "Heimlichen Liebe" (von wo die Waldberge des Essener Ruhrtals zu sehen sind und mitten darin, tief unten zwischen großen Bäumen, Krupps Villa Hügel), unterwegs also hab ich ihn gefragt, warum der alte Mann mit "Grüß Gott" geantwortet hat. "Er weiß es nicht besser." Auch das hör ich noch heute.


In einer der nächsten Nächte fallen im Stadtwaldviertel die ersten Bomben - auf die Nachbarhäuser. Wir sitzen im Keller, hören die Explosionen, am nächsten Morgen fotografiert der Vater hinterm Garten in der kleinen Corveystraße den "Bombenterror". In dem Haus hatten Mädchen gewohnt, mit denen so schön zu spielen war. Mir wurde damals aus dem Radio deutlich, dass auch "wir Deutschen" Bomben warfen. Auf "Engelland". So hätte ich das gesungen. Nach einem Lied, das häufig im Radio gespielt wurde. Notierten mir die großen Brüder in mein Tagebuch.



Oben: Wieder unterwegs zur "Heimlichen Liebe". Die Brüder sind tags im Helmholtz-Gymnasium in der Stadt, oft auch nachts, nachts dann oft bei der FLAK im Ruhrtal, bei  "Flieger-Abwehr-Kanonen". Kurz vor ihrem "Eingezogen-Werden".


Im Garten in der Drosselstraße 24. Die großen Brüder müssen noch im April 1945  an die "Ostfront",  noch 1945, "Berlin retten", "den Führer, vorm Iwan".



Ihr "Nesthäkchen" ist für all das noch viel zu jung, wäre so gern "Pimpf" geworden. Spielt hier mit einer Figur aus seinem Puppentheater, mit einem Polizisten.





Und kommt 1943 zur Sicherheit dorthin, wo der Vater bei Celle den Bauernhof hätte erben und bewirtschaften können, wenn er nicht lieber in Hannover die Zukunft studiert hätte, ab 1919  Elektrotechnik. Nachdem er Weltkrieg I überlebt hatte, als Matrose in der Skagerakschlacht, zwischen Nord- und Ostsee, so hörte ich von den Großen. Seit 1943 lebte ich bei Celle als sein "Solljunge" (erst mit dem dritten Kind beginnt "Vermehrung", eines meiner ca. 30 Buchtitel heißt später "Der Solljunge") in der Familie von Vaters jüngerem Bruders, der den Hof übernahm. Lebt hier 1944 mit den ersten Flüchtlingskindern  in Stedden an der Aller, wenige Kilometer neben Bergen-Belsen. Ahnungslos.

























Überlebende in der Stunde Null? Nicht weit neben Bergen-Belsen. Immer mal wieder muss ich grübeln über dies alternde Foto im Nachlass meines Vaters. Schimmelflecken auf Mutters Rock. Sie wird an diesem Tag 42. Vater „knipste“ das in einem Bauerngarten im Dorf Kleinhehlen bei Celle, Sommer 1945. Flüchtlinge sind hier alle außer der Bauerntochter links, die alle herzhaft begrüßt, obwohl die meisten nicht mit ihr verwandt sind, auch nicht hinten die beiden Frauen „aus Besarabien“ (Rumänien) und nicht die Mädchen in Trachtenkleidchen. Die wohnten dann aber in großer Sippe noch mehr als zehn Jahre dort. Ich, erst neun, ducke mich hier lieber zu den „Kleinen“, die „Großen“ sind mir fremd. Hinter der Mutter steht einer meiner Brüder, im März 17 geworden. Der war noch Anfang April bei einer Militärbrigade mitgefahren „nach Berlin, den Hauptstadt-Kessel verteidigen gegen den Russen“, „den Führer retten vorm Iwan“. Höre noch seinen Wortwechsel mit seiner und meiner Mutter (die da ihren zweiten Weltkrieg überlebt), höre Mutter noch fragen: „Berlin? Muss das denn sein? jetzt noch?“ Der 17jährige: „Willst du mich an meiner Pflicht hindern?“ Dann sahen wir ihn wegfahren, hinten auf graugrünem Militärwagen, mit Blick zurück. Hier steht er im Stoff seines Marine-Anzugs, hat nie erzählen wollen, was er vor Berlin erlebte. In englischer Gefangenschaft habe er sich zum Ernte-Einsatz gemeldet „auf väterlichem Hof“, in britischer Besatzungszone. Und war wenige Tage zuvor erschienen, sehr überraschend, die Mutter ließ ihn fast nicht mehr aus dem Arm, nähte seine Uniform `um` zum `Sonntagsanzug`. Der knipsende Vater, obwohl 1918 ältester Sohn auf dem Hof, war statt Bauer Ingenieur geworden in der AEG in Essen, auch er war nun hierher geflüchtet „mit der Mutter, aus dem Ruhrkessel“. Ich weiß noch, über den Garten tönte Glockengeläut, von der großen Celler Stadtkirche. „Ist denn heute Sonntag?“ hab ich gefragt, der Vater feierlich: „Nein. Aber es ist Frieden.“ Engländer hatten auf dem breiten Bauerntisch entsetzliche Fotos verteilt. Fotos aus Bergen-Belsen. Kreis Celle. An seinem Lebensende schrieb Vater ein 100-Seiten-Buch: „Der Große Irrtum“. Darin weiß er von „grauenvollen NS-Verbrechen“. Friedrich Lodemann, Vorwort Harald Welzer.



In den zwei ersten Semestern in Freiburg (1956/57) wurde auf Vaters Wunsch auch der "Solljunge" zum "Fuchs", in einer "Verbindung", freilich in einer "nicht schlagenden",  in einer nur "Farben tragenden" (schwarzrotgold). Endete nach knapp einem Jahr.




Die "Verbingung" hatte am Feldberg eine prima Hütte, dorthin lotste ich im Sommer 1956 mit Freund Ekkehard (links, der studierte Latein und Geschichte) die Eltern (rechts der Vater), und neben den Eltern den ägyptischen Bibliothekar und Dichter Abdel Gaffar Mikkawi. Der Vater arbeitete damals an knapp 100 Schreibmaschinenseiten unter dem Titel "Der Große Irrtum". Seine Nazi-Erinnerungen ("größte Verbrechen", "unvorstellbar", "betrogenes Volk"), mit dem Vorwort von Harald Welzer erschien das als Buch leider erst 2003, 30 Jahre nach seinem Tod.

In Essen hingen hinte dem Sessel der Mutter seit 1939 nur  Worte. "Lerne Schweigen ohne zu platzen".

1972, kurz vor ihrem ersten TV-Auftritt, die anfangs übers Südwestfunk-Radio berühmt werdende Elke Heidenreich, die ich ins TV-"Literaturmagazin" eingeladen hatte  - "Kennen wir uns nicht? Aus Essen?" - Hatten jahrelang im selben Gebäude in Essen-Rütentütt "höhere Schulen" besucht. Sie dort vormittags das Gymnasium für Mädchen, ich nachmittags das für Jungen und für Naturwissenschaften. In der Woche drauf Mädchen und Jungen jeweils in den anderen Tageshälften. Im zerbombten Revier fehlten Schulen. Doch es wucherte die Ruhrsprache. Elke besprach im "Literaturmagazin" und im "Café Größenwahn" zunächst Kinderbücher. Hinreißend.






Ruhr-Sprech entdeckten wir um die Wette, jede(r) auf eigene Weise.





Als ich TV-Mensch geworden war, stellte mich In Kurl bei Dortmund einer meiner Brüder vor ein Schild, das einem Bergwerksdirektor galt. 


1975 war mein erster Roman erschienen: "Erinnerungen in der Zornigen Ameise an Geburt, Leben, Ansichten und Ende der ANITA DRÖGEMÖLLER  und die Ruhe an der Ruhr".






In Baden-Baden erfand und startete ich die  "Anti-Bestsellerliste", die BÜCHER-BESTENLISTE  DES   SWF, propagiere die hier unten zum Beispiel in Stuttgart in "Hosers Buchhandlung":

Ob mit oder ohne Bart, ob fremde Bücher oder eigene, ob Nibelungen-MORD oder 1848, es ging auch persönlich lebhaft rund im Sendegebiet zwischen Köln, Stuttgart, Freiburg, Basel,  Zürich







1980 in "Der Solljunge" ein Versuch, herauszufinden, wie das gewesen war in "unserer", in der "Nazi-Familie". Der Zürcher Diogenes-Verlag (Gerd Haffmans) nimmt als Titelbild Vaters Foto, geknipst kurz hinter der "Heimlichen Liebe" im Stadtwald. Vor mir die Mutter, rechts der älteste Bruder.












"Der Solljunge", im alten Buchenwald über der Ruhr, hinter der "Heimlichen Liebe" im Essener Stadtwald. - 1980 in Zürichs Diogenes-Verlag



Sommer 1939, im Original drei Zentimeter breit, ein Schnipsel, die Vergrößerung natürlich sehr unscharf, da entstand im Garten der Drosselstraße 24 ein großes Familienfoto, denn es war Besuch gekommen vom „Lodemann-Hof“ in Celle, irgendwann später, pubertär, schnitt ich mir diesen winzigen Ausschnitt aus dem personenreichen Foto, alle Erwachsenen rechts mussten weg, nur die Hand der Mutter auf meiner linken Schulter, die war nicht zu beseitigen.

In eben diesen Tagen zündete der, "dem du zu danken hast, das du lebst" den nächsten Weltkrieg, "ohne ihn wäre Deutschland nicht, wärest du nicht". Die lieben Brüder, scheint mir, zeigen mich dem fotografierenden Vater, präsentieren mich, finde ich, wie einen Kleinst-Siegfried, der älteste richtet mein Schwert, der jüngere hält mir den wehenden Mantel, der Arm der Mutter will eingreifen von rechts, ich selber setze deutlich Schritt vor Schritt und hab auf dem Haupt die blonde Locke . Als Ex-„Kriegskind“ weiß ich noch jetzt, dass ich „im Radio mitsingen“ konnte, was gegen den englischen Mister Chamberlain die "Siegfried-Linie" besang, jene Kampf-Linie gegen Franzosen und Engländer im ersten Weltkrieg, die nun wieder genutzt werden würde, und nun aber siegreich.




Mai 1941 in der Drosselstraße in Essen-Stadtwald, unte derm blühenden Kirschbaum

1997 wählte Verleger Steidl für sein "Solljungen"-Cover dies Foto, das mit dem Matrosenanzug.

Der Vater hatte im Weltkrieg I  die verlustreichste aller Seeschlachten überlebt, die Schlacht im Skagerak. Kurz nach diesem Foto geht der alte Mann vorbei, mein Vater: "Heil Hitler." - Der Mann: "Grüß Gott". - Ich: "Warum sagt der Grüß Gott?" - "Er weiß es nicht besser."










oder im Garten in Baden-Baden Wäsche trocknen und Söhne bespaßen, David ist fast schon frei von den Bakterien, die ihn überfielen
bei der Geburt in der Bühler Klinik  - - -




und später über all das was erzählen? in Büchern?

was zeigen? in Filmen?

und wenn die kaum einer liest? - weil nur sehr wenige das anschauen könnrn?

weil in den Kanälen meine Sachen wegen resoluter Passagen immer mehr ins Abseits geschoben werden  ("Meine Medienmemoiren")?





Im Alter lieber hinab in wüste Türkei. - Oder aber mit Freunden auf Rädern von Zeche Zollverein in Essen zur Zeche Zollern in Dortmund. Quer also von West nach Ost durch die Ruhrstadt, nochmal fast wie Martin Walser (siehe den Beginn der Rubrik FILME: "Was man sieht und was man nicht sieht").

Filmen und  Wohnen und Architektur entdecken in der "Grünen" Ruhrstadt, in "Europas Kulturhauptstadt Ruhr" 2010














In diesem Tal, so hörten wir unterwegs, an diesem Felsbruch habe einst der Ruhrbergbau begonnen - durch wen wohl, wenn nicht durch den ritterlichen Schmied aus Xanten, den Frauen- und Erdkundigen







 

 








In Poznan in Polen über "Germanistik" diskutieren. Ja, die IDISI, die Waldhexen, die liebten sie, die Idisi und deren althochdeutschen Wörterzauber


"unsere" Endhaltestelle "  in Freiburgs Stadtteil Vauban"  und darüber, gleich hinterm Haus, geheimnisvolle Wesen unter Bäumen am Bach

mit den beiden Klügsten der einstigen Schulklasse nach Xanten, vor dem Modell des Castrum Romanum

Oder als Dokumentum in Kassels "Documenta": als Einzelner alle Anderen stämmen?

Oder aber die Rocky Mountains filmen, von Denver aus den Colorado westwärts aufwärts in die Rockies, bis Salt Lake City:







- - - oder den Rhein, aus dem Film "Vom Rheinfall bis zum Drachenfels":



- - - oder bewundern, was sich in Freiburg allabendlich im Fenster zeigt,  jeden Abend anders:





- - - oder doch nochmal Kopfstand, als die Freundin und ich zusammen 140 Jahre alt werden und Freunde uns wohlwollend zuschauen und staunen auf dem "Döblinplatz" in Freiburgs Stadtteil Vauban. Links neben diesem Kopfstand  gut 50 staunend Klatschende








Das war's. Nämlich die letzte von mehr als 250 Sendungen im Studio. Schluss mit"Literaturmagazin" (seit 1973) und "Café Größenwahn". Dichter Otto verstaut seine Stichworte, Elke lässt sich freundlich derangieren. Ich wende mich weg, das war's? Ende für immer?









Wenig später an der Ostgrenze Österreichs. Vor mir und hinter mir der Balkan. Ich will endlich in das seit meinen ersten Atlas-Zeiten geliebte runde Rumänien. Da herrscht aber noch immer Ceaucescu. Schluss mit allen Führern! Und mit Fernsehstuben, die gegen machthabende Egozentriker nur um Mitternacht was tun wollen, und nicht mal dann.

Fast am Ende aller Schreiberei Vertragsabschluss mit dem Heine-Institut, mit der Leiterin Dr. Sabine Brenner-Wilczek. "Der literarische Vorlass/Nachlass des Schriftstellers, Fimemachers und TV-Redakteurs Lodemann ist mit Beschluss vom 22.11.1917 ab dem 22.11.2018 vollständig im Besitz und Eigentum des Heinrich-Heine-Instituts der Stadt Düsseldorf." - -- Bilker Straße 12-14, 40213, Tel. 0211-3451553, z.B. Martin Willems.


My new Project - a big Cinema Movie:


L Y N C H   or   P A R A D I S E   L O S T


The Galway-Story – a story of a Capital of love and early capitalism


Nearly 80 Lord Mayors of the remarkable Irish Atlantic town of Galway in medieval times were named LYNCH. This English tribe LYNCH was the most important of 14 other English tribes, once sent to Galway to stop problems in Ireland with Irish temperaments. The Lynchs succeeded, in a memorable way. Lynchs changed the “Celtic” old small fishing village into a prosperous Atlantic harbour of wellness and peace, making more and more maritime trade with Spain. Christophorus Columbus, before starting his discoveries in the West, was a Galway visitor, studying Galway’s Atlantic ships and all experiences and knowledges of sailing in western directions. Like Columbus also the Lynchs created a new world in the Lynch’s way– as an urban civilisation, early democratic, liberal and peaceful.

But Lynchs wonder-world  about 1600 ended in a dramatic disaster.

Galway’s last Lord Mayor Lynch invited the only son of his best Spanish business-friend, invited the young and handsome Juan to accompany him to Galway. In Galway Juan befriended Lynch’s only son Patrick, but Pat Lynch was engaged with the very lovely Agnes Joyce – daughter of the Joyces, at that time also an important tribe in the City. The three Youngsters had exciting love affairs, but young Patrick Lynch’s jealousy stopped the happiness: young Juan was found dead in Atlantics surf, murdered by Patrick. His father, not only Lord Mayor but also first judge in town had to sentence his own son to death. When the execution was supposed to take place in the middle of the old city (see the picture enclosed), inhabitants of Galway succeeded to stop the horrible act, the executioner didn’t do his job – but father Lynch himself executed. From this time words like lynching and lynch justice exist worldwide.
I wrote books about this very memorable case, produced documentaries for German Television. And because Galway will be Europe’s Cultural Capital in 2020 I wrote the script for an opulent cinema-film about the exciting Lynch story, which is up to this time an undetected European event and sensation.
The LYNCH-film will show early capitalism as European model event. In the beginning the City of Galway is an island of peace, happiness and friendship in hard contrast to all the many bloody long struggles, fights and wars between Ireland and England. But then in course of a love story lucky live collapses in a human tragedy, as political as private. The worldwide known philosopher and theologian Erich Fromm red the historic facts of my novel “Lynch” and called this great 16 thcenturystory “the tragedy of the good man”.

This cinema project should catch the interest of best European film producers. The exciting and unique Lynch story has big dimensions and needs cooperation in several meanings.

By the way: Real name of  Che Guevara is Ernesto Guevara Lynch – he liked to visit  Galway, to hear his Grandma Lynch!

Philosopher Erich Fromm 1978 about my historic novel LYNCH:

„I was delighted with your book, it was a pleasure to read it, from the beginning to the end. You succeeded in many respects, in a very difficult task, in your description of the end of Middle Ages at the moment of their change into the modern world, in the aliveness of the persons of whom you draw a picture and not only of the persons but also of their way of life which is so concrete and alive that one feels present at their festivities and conversations. But the most fascinating and perhaps the most significant part of your book is the theme which one could call the tragedy of justice, the tragedy of the good man.”

Curriculum vitae:

Jürgen Lodemann was born 1936 in Essen (“Ruhrgebiet”, Germanys biggest industrial area), 1962 promoted in Freiburg as “Dr. phil” (researching German operas), published nearly thirty books (telling real stories), worked 1965 to 1995 as a literary editor and film maker, produced for TV cultural documentary movies in USA, Egypt, Turkey or in Ireland, in Ireland a 90-minutes-film titled: “Columbus: Multa notabilia videmus in Galway” (Many remarkable things we saw in Galway.). The title uses a sentence hand written by Columbus, when he found in a very old book the name GALWAY: “Remarkable things we saw in Galway” – the film presents them!

Galway about 1600:












Statt dieser historischen und denkwürdig dauerhaften Europa-Tragödie in der Atlantikstadt Galway war ab 1995 nur noch Baden-Baden? Ich zog ab, ging auch ohne Filmerei auf Reisen, so weit wie möglich ostwärts, westwärts. Das war's?

Alte Klassenfreunde, nach Essen eingeladen, zur Ruhr - im Wald hell "Villa Hügel", überm Baldeneysee.


Hans-Peter und Ewald, Schulfreunde, 2017 beim Klassentreffenin Essen, inzwischen alle 80, hier wieder in Essen, nun in Essen-Werden über Ruhr und Baldeneysee. Hoch überm See, links hinten aus'm Wald guckt Krupps Villa Hügel. In Werden an der Ruhr, ähnlich uralt wie Essen, fand sich diese Darstellung des Gekreuzigten:



Nach der ersten Lesung "Gegen Drachen" in Freiburgs besonderer Buchhandlung "Jos Fritz", mit "Onyx" aus Rumänien. Die Vierbeinige ist extrem hellhörig, hört bei Lesungen aufmerksam zu,  stundenlang - fast. "Gegen Drachen"? Blick aus dem Freiburger Fenster:





 












Bei Bergen-Belsen sieben Überlebende, in der Stunde Null. Immer mal wieder muss ich grübeln über dies Foto im Nachlass meines Vaters. Es altert, Schimmelflecken sind auf Mutters Rock. Sie wurde an diesem Sommertag 42. Vater „knipste“ das Bild in einem Bauerngarten in Kleinhehlen bei Celle, Juli 1945. Flüchtlinge sind hier alle bis auf eine, werden alle herzhaft begrüßt von Cousine Hilde, der Bauerntochter links, obwohl die meisten nicht mit ihr verwandt sind - jedenfalls nicht hinten die beiden älteren Frauen „aus Besarabien“ (Rumänien) und nicht die Mädchen in den Trachtenkleidchen. Kurz zuvor haben diese  "Balkanschwaben" als große Sippe  auf ihrer Flucht hier Halt gemacht. Sie wohnten dort noch mehr als zehn Jahre.

Ich, hier neun, ducke mich lieber zu den „Kleinen“, die „Großen“ sind mir fremd. Hinter der Mutter steht der Jüngere meiner großen Brüder, der Gert, der ist 1945 seit März 17 Jahre alt. Und war noch im April bei einer Militärbrigade mitgefahren nach Berlin, „die Reichshauptstadt verteidigen helfen, gegen den Russen“, „den Führer retten vorm Iwan“. Höre noch jetzt seinen Wortwechsel mit der Mutter (die nun ihren zweiten Weltkrieg überleben will), höre  noch, wie sie im April fragte:
„Berlin? Muss das denn sein? jetzt noch?“ Drauf der 17jährige: „Willst du mich an meiner Pflicht hindern?“ Eine Stunde später sah ich ihn wegfahren,  hinten hockte er auf einem graugrünen Militärwagen, starrer Blick zurück -

Nun steht er hier im Stoff seiner Uniform, hat nie erzählen wollen, was er vor Berlin erlebte. In englischer Gefangenschaft habe er sich sofort zum Ernte-Einsatz gemeldet, „auf väterlichem Hof“, in britischer Besatzungszone. Auch er war hier wenige Tage zuvor erschien, sehr überraschend, die Mutter ließ ihn fast nicht aus dem Arm, nähte seine Uniform `um`, zum `Sonntagsanzug`.

Der knipsende Vater, Schachspieler, obwohl 1918 ältester der Söhne auf dem Hof, war damals nicht Bauer geworden, sondern hatte Elektrotechnik studiert, wurde Ingenieur bei der AEG in Essen, auch er war nun geflüchtet, mit der Mutter, "aus dem Ruhrkessel“,  zum  "väterlichen Hof".

Ich weiß es noch, in diesem Bauerngarten hörten wir Glocken. Das Geläut der großen Celler Stadtkirche. „Ist denn heute Sonntag?“ hab ich gefragt. Der Vater: „Es ist Frieden." Er redete fast nichts mehr. Uniformierte Engländer hatten beim  Abendessen auf dem großen Bauerntisch entsetzliche Bilder verteilt. Fotos aus Bergen-Belsen. KZ, Kreis Celle. Am Lebensende schrieb Vater ein 100-Seiten-Buch. „Der Große Irrtum“. Weiß darin von „grauenvollen NS-Verbrechen“ (Friedrich Lodemann, Der Große Irrtum, Vorwort Harald Welzer).