Jürgen Lodemann
Schriftsteller, Filmemacher

                                                                      Jürgen Lodemann


Wol man sîne tugende an sînen vianden sach

                                         „Wohltätig sah man seine Menschenliebe, auch an seinen Feinden“


Wan daz in twang ir minne

                             „Wenn ihn nicht ihre Liebe gefesselt hätte“


BESEITIGUNG SIEGFRIEDS

durch Hagen von Tronje?

durch Richard Wagner?

durch Germanisten?


Wortgenaue Neudeutung des Nibelungenlieds

 folgenreich missbrauchter Gründungstext

 für 1000jährige Festspiele in Worms


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Archaische Geschichten, so raten kluge Leute, müsse man „entmythologisieren“. Eine Figur wie Kriemhild sei „auf den Asphalt zu stellen“, rät Moritz Rinke. „Entstaubung“ heißt das dann in guten Theatern und zeigt uralte Figuren „modern“. Und nimmt sehr gute Texte nicht mehr wörtlich, genaue Bilder nicht mehr ernst. Das Gemetzel am Etzelhof in SS-Uniformen? Im Stalingrad-Design? Massen, verführt und benebelt in so genannter „Nibelungentreue“? Oder Burgunds König Gunther wie der letzte deutsche Kaiser am Beginn der Weltkriege, wo er dann nicht mehr von einer Halbgöttinn in Island träumt, sondern von einem germanischen Großreich? Oder Grimm und Schreck des Waffenmeisters Hagen vor der Konkurrenz durch Siegfried, weil der von Waffen weit mehr versteht als er, als Hagen? Hat nicht auch ein grimmer Wehner den Willy Brandt als Leuteliebling ins Aus manövriert? Siegfrieds Ermordung lässt sogar denken an die Ermordung des Alfred Herrhausen, der als Chef der Deutschen Bank versuchte, das Weltwährungssystem zu erneuern zugunsten der Welt, die als „Dritte“ gilt. Befeindet schon auch im eigenen Haus, wurde er von Weltverbesserern umgebracht, statt bestaunt zu werden.

Wie wäre es wieder mit Respekt vor ältestem Wortlaut. Vor einer der größten Erzählungen nördlich der Alpen. Die hat leider so etwas gestiftet wie eine insgeheime deutsche Leitkultur. Basierend auf fehlerhaften Lektüren. Das Nibelungen-Epos erzählt in seiner ersten, in der Siegfried-Hälfte überraschend anderes als das, was die Entdecker behaupteten, was Nationalisten wünschten und was Nazis dann folgenreich steigerten. Genau besehen erzählt es nichts, was Kriegslust hochputschen kann, sondern das Gegenteil, Versöhnliches, sogar Humanes. Über Generationen und durch Jahrhunderte wurde diese heilsame Botschaft des Epos kaum vermittelt, mehr und mehr verdreht. Ins Mörderische.

Schon als man ab 1750 die alten Handschriften fand, wurden sie von denen, die sich dann „Germanisten“ nannten, gefeiert und gerühmt als „Nationalepos“, was schon einer wie Hegel für plattesten Unsinn hielt in seinen „Vorlesungen zur Ästhetik“. Auf dem „Unsinn“ der spontanen germanistischen Deutung des  Nibelungenlieds hoben dann Romantiker begeistert ab, endgültig und folgenreich Nazis. Was geistliche Klosterschreiber um 1200 fromm verfasst hatten als riesiges Lehrgedicht über Macht und Machtmissbrauch, wurde zusehends aufgedröhnt zu teutonischem Heldengesang. Dabei handelt das Nibelungenlied weder von Nation noch von Rasse, weder von deutscher noch von germanischer. Stattdessen von ergreifenden Menschen. Von vielfach gefesselten.

Im romantischen 19. Jahrhundert scheinen Leser des großen Nibelungenlieds nur selten bei Sinnen geblieben zu sein. Klug reagierte zum Beispiel nur einer wie Friedrich Engels1839, damals erst 19 Jahre alt: „Was ist es, was uns in der Sage von Siegfried so mächtig ergreift? ... Da ist die üppigste Poesie, bald mit der größten Naivetät, bald mit dem schönsten humoristischen Pathos vorgetragen ... Für Riesen und Drachen haben die Philister auch heute gesorgt, namentlich auf dem Gebiete von Kirche und Staat.“ Ein 19jähriger Leser hatte da keine Probleme, Riesen und Drachen sofort als Politiker zu begreifen. Und im Zensurstaat des Kanzlers Metternich, in diesem vermeintlichen „Biedermeier“ nennt Engels sie sicherheitshalber Philister.

Karl der Große hatte Schriften aus vergangenen Epochen noch sammeln lassen, sein Sohn Ludwig („der Fromme“) wertete solche Texte als „heidnisch“, ließ sie verbrennen. Zum Glück nicht alle. Vorwissenschaftlich mischt das Nibelungen-Epos Mythisches mit Fakten, erzählt von Zuständen in der Epoche der Völkerwanderung, gleichzeitig jedoch von damaliger hochmittelalterlicher Gegenwart und obendrein erschütternd von Zukunft. Und genau besehen lässt das Epos von Riesen, Drachen und Hortraub ausschließlich Hagen von Tronje fabulieren.

Geistliche bayerische Verfasser schufen um 1200 eine überaus weit gespannten Rache- und Macht-Geschichte, letztlich rund um die Natur des Mannes als Naturkatastrophe. Derjenige, der in dieser Geschichte nach fast zehntausend Versen überaus dumm und ungeschickt die blutigste aller bis dahin geschilderten Metzeleien auslöst, der bekam von den Autoren den Namen Blödel.

Das erzählt von Zeiten, in denen Völker von Osten nach Westen und Süden wanderten und oppida besetzen wollten, Städte am Rhein, das erzählt von Worms und Xanten, beides gut ausgebaute Festungen, aber von Roms Legionen verlassen. Und wenn Heermeister Hagen in Worms erzählt, ein Prinz aus Xanten habe Sagenhaftes geschafft, habe Drachen-Schätze gehortet, so wissen Historiker inzwischen, Rom ging unter an zu viel privaten Reichtum. Und an zu großer öffentlicher Armut. Die Staatskassen waren leer, prallvoll aber die privaten. Privare heißt lateinisch auch „berauben“. Gegen all diese Entwicklungen ließen die Verfasser des Epos als Hauptfigur einen jungen Ritter aus Xanten auftreten, Sivrit. Dieser Sivrit handelte von Mal zu Mal intelligenter, konnte mit List und auch unter Tranungen große Probleme lösen. Sivrit, neudeutsch also „Siegfried“, dem sagt Hagen im Epos schon anfangs üble Taten nach, dem gelingt es jedoch mehrfach, lebensgefährliche Situationen der Wormser zu beseitigen, attackierende Völker zu befrieden, tatsächlich zu versöhnen. Listig und, ja, lustvoll stiftet dieser Sivrit wiederholt und in der Tat Frieden. Und dann sogar buchtäblich Festspiele in Worms.

Dieser Xantener, so teilen die Epiker mit, der kannte vil der rîche, „viele Reiche“. Der hatte sehr wahrscheinlich, wie fast alle damals Erfolgreichen, eine Ausbildung in Rom. Auch Attila, „die Geißel Gottes“, war als junger Mann so was wie ein Austauschschüler gewesen in der Kapitale des römischen Reichs. Auch der Germane Arminius, verballhornt zu „Hermann“, war Offizier gewesen in Rom  und hatte da nicht nur Militärtechniken erlernt, auch Hauptstädtisches. Herrschaftliches. Dieser Arminius vom Stamm der Cherusker schaffte es bekanntlich, im Jahr 9 die keltisch-germanischen Stämme vorübergehend zu einigen und einen übermächtigen römischen Heereszug zu schlagen, offenbar mit Guerillataktik, in monatelanger Abwehr, in norddeutschen oder „Teutoburger“ Wäldern, unter anderem bei Kalkriese.  

Schmiede waren in archaischen Kulturen oft Zauberer, oft aber auch Aufwiegler. Ob als Prometheus oder als Wieland. Vom Bad des schmiedenden Xanteners in einem See aus Drachenblut will älteste Überlieferung wissen, dass bei diesem Bad Sivrit nicht nur die Sprache kluger Frauen vernahm und verstand, sondern auch die Sprache und Zeichen der Tiere, der Vögel, der Elemente. Wortverwandt sind nun mal Vernehmen und Vernunft. Der mythische Sivrit des Epos traf dann in Rom und danach beim Waffenmeister Hagen auf eine Sprache und ein Denken, in dem „Krieg“ und „Schönheit“ den gleichen Namen hatten - bellum.

Aus vielen und variantenreich überlieferten Voraussetzungen bauten um 1200 schriftkundige Mönche ihr umfangreiches Epos, das dann freilich kaum bekannt wurde als Versuch, mit Tatkraft wie mit List Frieden zu stiften in kriegerischen Epochen. Sondern das mehr und mehr berühmt wurde als Heldenlied und Kriegslied. Wunderlich unbekannt blieb, wie sehr Sivrit im Nibelungenlied sich am Ende unterscheidet von seiner letzten großen Variante, vom Siegfried in Wagners „Ring“. Diese Differenz ist so krass wie die zwischen Krieg und Frieden. Und seit der weltweiten Berühmtheit der vier großen Wagner-Opern werden beide Figuren, werden Sivrit und Siegfried kenntnisfrei vermischt und verwechselt.

Zuletzt etwa in einer Zeitschrift wie „Volltext“, deutschsprachig nach dem Essener „Schreibheft“ gewiss eines der besten Spezialblätter für Literatur, sogar in „Volltext“ also konnte Sibylle Lewitscharow, Trägerin des Büchnerpreises, erklären: „Das Nibelungenlied? Eine Blutsauerei ohnegleichen.“ Und Siegfried? „Ein Schlagetot, mehr nicht … einer, der bei erstbester Gelegenheit zum Schwert greift“. Dies alles, sorry, ist so grotesk wie fatal falsch. In Wagners „Ring“ ist Siegfried allerdings und in der Tat ein Totschläger. Im Nibelungenlied dagegen begeht er weder Mord noch Totschlag. Sivrit, obwohl es ihm von Hagen nachgesagt wird, tötet nicht mal Drachen. Ungeniert werden der Sivrit von schriftkundigen Geistlichen und der Siegfried des komponierenden Richard Wagner vertauscht oder verkannt. Noch im Werk von Wolfgang Emmerich, in „Paul Celan und die Deutschen“, wo es um die Hilflosigkeit deutscher Dichter geht nach 1945, nach den deutschen Massenmorden, da wird berichtet, wie Paul Celan, jüdischer Verehrer deutscher Poesie, schließlich verzweifelt zu trennen versucht hat zwischen „Rechtsnibelungen“ von „Linksnibelungen“ – „links“, insgeheim aber und weiterhin  nationalistisch, jedenfalls nicht weltbürgerlich wie der frühe Siegfried des mittelalterlichen Epos.

Um 1200 entstand das Nibelungen-Epos der schreibenden Geistlichen in mehreren handschriftlichen Versionen. Gut ein halbes Jahrtausend später wurden diese Handschriften entdeckt von solchen, die sich in ihrer Begeisterung Germanisten nannten, die das Epos umgehend rühmten als Nationalschatz, ja, enthusiasmierte Germanisten stifteten, so muss das sagen, auf der Basis ihrer Entdeckungen, vor allem aufgrund des überaus finsteren Finales im Nibelungenlied so etwas wie eine deutschnationale Leitkultur. Und Wagners „Ring“ schien dem dann aus ähnlichen Gründen endgültig Recht zu geben.

Dringend, ja überfällig scheint da so etwas wie ein  Nibelungenvergleich, gleichfalls gründlich, ein an den Texten orientierter Vergleich von Wagners Siegfried in den vier Opern seines weltberühmten „Ring“ mit dem Sivrit des ursprünglichen Epos. Fast mit Verlegenheit haben ja Uni-Dozenten immer wieder mitzuteilen, dass diese so genannte „Blutsauerei“ verfasst wurde von Geistlichen - wie nur konnte denen das passieren.

Inzwischen ist unbestritten, dass die fast zehntausend Zeilen um 1200 in einem Passauer Kloster entstanden, unter Wolfgang von Erla, Bischof in Passau von 1193 bis 1207. Handschrift B, die St. Galler Fassung, wurde inzwischen zum „UNESCO-Weltkultur-Erbe. Warum? Zitieren und vergleichen werde ich fast immer nach dieser am meisten geschätzten Version, der Handschrift B. Gut 650 Jahre nach dem Epos-Ungeheuer des Hochmittelalters entstand, ebenfalls mit ungeheuerer Wirkung worldwide, Wagners „Ring“, mit großartigen Opern, Spieldauer insgesamt und durchweg 20 Stunden. Sobald der Festpiel-Ort Bayreuth die Werke wieder ankündigt, warnen Feuilletons gern vor dem „deutschen Horrormonster“. Dennoch gilt ihnen Siegfried andererseits als „urdeutsch“, sogar als „deutsches Idol“. Also Horror  oder Idol? Und wieso eigentlich „deutsch“? Die Handlung verteilt sich quer über Europa, von Island bis zum Balkan. Um 1200 war „deutsch“ zwar schon in Gebrauch, besonders heftig bei Walther von der Vogelweide mit „tiuschiu zuht“ und „tiuschiun frouwen“ („deutsche Erziehung“, „deutsche Frauen“), doch die fast zehntausend Verse des Epos nutzen das Wort „deutsch“ kein einziges Mal. Sivrit aus Xanten ist im Epos der „von nidderlant“, wozu auch Xanten gerechnet wurde.

Feuilletons freilich sehen Siegfried wie Sivrit weiterhin „deutsch“, und sogar „deutsch wabern“, in der „Süddeutschen“ gar stabreimend, denn Siegfried, so war da zu lesen, das sei der, „der die deutschen Dämonen demoliert“. Gemeint ist da immer häufiger nur der Siegfried Wagners, seltener oder niemals der Sivrit des Epos, beide aber werden von den klügsten Feuilletons großzügig und kenntnisfrei gemischt. Die Weltkriege  beflügelnd.

Gut 100 Jahre nach dem Jahr Null weiß Tacitus in seinen „Annales“, die germanischen Cherusker widmeten ihrem Feldherrn Arminius Siegesgesänge – dem Sieger also im Jahr 9 über Roms Legionen im Teutoburger Wald. Dieser Sieger hieß bei den Cheruskern Sigurd. Auch Sigurd wurde dann von Verwandten ermordet, woraus, so meinen manche, durch Jahrhunderte das große Epos von Sivrides Ermordung wuchs, über allerhand Balladen und Lieder. Im Nibelungenlied jedoch, da agiert dann Sivrit weder als „Totschläger“ noch als „Horrormonster“, dieser Ritter aus dem nidderland handelt auch nach heutigen Maßstäben geradezu lobebaer, „rühmenswert“. Angesichts blutiger Völkerwanderungen handelt er hilfreich, geradezu human, manchmal waghalsig verspielt, rettet mehrfach Worms, blockiert Kriege, verhindert gar schon ihr Entstehen. Zum Monster oder Mörder wird er erst in deutscher Hochromantik. Zu großartiger Musik, in weltweitem Opernerfolg. 

Wagner selbst hat Idee und Praxis seiner Opern ausführlich beschrieben. Gleich wichtig seien ihm Musik wie Wort, beide würden einander erklären. Gern las er seine Texte vor, nannte sie „Dichtungen“, verlangte es geradezu, sie beim Wort zu nehmen. Passiert leider selten. Zum Beispiel singt im „Lohengrin“ der König (ohne Protest aus dem Publikum): „Deutsches Land, stelle Kampfesscharen! Mit Gott! Für deutschen Reiches Ehr!“ Beifall, von Kanzlern, Kanzlerin, Verteidigungsministerinnen.

Hätte doch auch Wagner seine Hauptfigur Sigurd genannt. Doch die von Germanisten herbei gewünschte und sehnlich gepflegte nationale Großartigkeit von Worten wie „Siegfried“ und „Nibelungen“, diese Aura schien auch Wagner wichtig. Seit der Entdeckung der alten Handschriften, schon seit 1750 verbreitete sich das Nibelungenlied als Nationalgut, kam wie ein enormes Signal über Deutschland, entfachte immer deutlicher so was wie Stolz, eine neue Leitkultur, letztlich eine lähmende, eine, die das Andere oder Fremde am Ende tatsächlich nur noch totschlagen wollte. Gipfelnd in Görings Stalingrad-Rede im Reichsrundfunk im Januar 1943, beim Untergang der 6. Armee, da verlangte Hitlers Stellvertreter von tausenden jungen Menschen einen Todeskampf um Stalingrad. „Wie im Nibelungenlied“.

Adorno zitierte gern aus Wagners „Ring“ Folgendes: „Was erwartet Wotan? – Das Ende.“ „Ende“ steht im „Ring“ für Untergang. Wagner hat als sein eigener Mythen-Baumeister germanische Sagen neu verknüpft und ergänzt und schuf nach eigenem Bekunden in Siegfried „einen vollkommensten Menschen“, „wahrer Mensch überhaupt“. Bevor er ihn auftreten lässt, inszeniert er vorweg in den zwei Groß-Opern „Rheingold“ und „Walküre“ einen Welt-Zwist. Unter Göttern, Halbgöttern und Elementarem. Ausdrücklich auch „Krieg“ genannt. Dieser Opernkrieg gilt einem Ring, der  magisch Weltherrschaft gewährt. Oder eben Untergang. In diesem Opernweltkrieg singen und ringen Lichtgestalten gegen Nachtgestalten. Besingen und kommentieren ausführlich Siege wie Niederlagen, Kämpfe mit allen Mitteln, auch mit Betrug und Mord. Sind allesamt starke Figuren, wollen aber offenbar alle noch mehr Stärke. Oberster in der Lichtwelt ist Göttervater Wotan. Bei Wagner ist Wotan Siegfrieds Großvater. Großvater kämpft gegen Alberich, gegen den Fürsten der Nachtwelt. Alberich will wie Wotan Weltmacht, „in zähem Hass“, weiß Hagen. Hagen muss das wissen, ist hier nicht Heermeister Burgunds, sondern Alberichs Sohn.

Wenn in Wagner Opernweltkrieg Lichtgott Wotan gegen Nachtalb Alberich um die Weltmacht ringt, dann ist „Welt“ nicht Worms, nicht mal Nord-Europa, sondern das Dasein überhaupt. Gestritten jedoch wird seltsam kleinbürgerlich. In Gezänk, auch unter Spitzengöttern. Nicht nur zwischen Wotan und Lieblingstochter Brünnhilde, auch zwischen Wotan und Ehefrau Fricka. Zum Beispiel rügt Göttin und Gattin Fricka den Ehebruch von Wotans Zwillingen Sieglinde und Siegmund. Die beiden hatte Gatte Wotan mit Göttin Erda gezeugt. Wenn nun Sieglinde und Siegmund ihrerseits zeugen, nämlich den Siegfried des Richard Wagner, dann treiben sie außer Inzest auch Ehebruch. Denn Sieglinde ist Ehefrau des Hunding. Wagners Siegfried entsteht aber nicht nur aus Inzest und Ehebruch, sondern auch unter Drogen. Für ungestörten Beischlaf mit Siegmund narkotisiert Sieglinde ihren Gemahl Hunding.

Göttin Fricka rügt nun nicht etwa Sieglindes K.O.-Tropfen – oder wenigstens den Inzest der Zwillinge. Nein, sie rügt den Ehebruch. Will dafür die Todesstrafe. Will Tod aber nur für den männlichen Ehebrecher. „Der Wälsung“, so singt Wotans Gemahlin und meint mit Wälsung Sieglindes Zwillingsbruder Siegmund, „der Wälsung fällt meiner Ehre!“ „Fällt“ und „Fallen“ sind Worte, die alsbald auftauchen werden in unzählbaren Todesanzeigen, in realen Weltkriegen.

Warum nur „fällt“ Frickas Stiefsohn Siegmund „meiner Ehre“? der Ehre der Wotansgattin? „Ehre“ steht hier in besitzanzeigendem Dativ. Mir nahm einst mein Lehrer den Malstift weg mit dem Wort „Jetzt ist er mir.“ Siegfrieds Erzeuger Siegmund ver-„fällt“ als Ehebrecher der Ehre seiner Stiefmutter. Waltet da irgendein Sinn? Höheres? Familiensinn? Machtsinn? Warum „fällt“ dann nicht auch die weibliche Täterin, die betäubende Sieglinde? Frauen halten halt zusammen?

Doch Großvater Wotan gehorcht, im Duell Siegmund gegen Hunding, da lässt Wotan nicht, wie er geplant hatte, Hunding „fallen“, sondern Siegmund, seinen eigenen Sohn. Den Vater von Wagners Siegfried. Für die „Ehre“ von dessen Stiefmutter. Danach aber „fällt“ Großvater auch den Hunding. Mit einem einzigen Wort: „Geh!“

Gibt es Gründe für all dieses? Einsehbares? Für einen übermenschlichen Opernweltkrieg? Für unbedingtes „Vernichten“, wechselseitig? Oder ist das alles nur „Ring“-Magie? Der angesehene Literaturkritiker Joachim Kaiser verlangte „höchsten Respekt“ vor Wagners Worten. Es heißt, Wagner folge da nicht nur nordischen Sagen, sondern auch dem romantischen Baron Fouqué, der ebenfalls Operntexte schrieb. Fouqués Trilogie um einen, der tatsächlich Sigurd hieß in seinem Drama „Der Held des Nordens“, dieses Werk des Fouqué nutzte, wie dann auch das des Wagner, „Vergessenstränke“. Heine monierte das als „allzu magere Charakterisierung der Figuren“.

Mager waren sie gewiss, Fouqués Librettos, etwa für die „Undine“ des komponierenden E.T.A. Hoffmann. Im Todesfinale muss da die Undine den Ritter besingen: „Nicht einen einen Kuss?“ Drauf der Ritter: „Ja, Liebste, weil ich muss.“ Dann aber: „Ich bin verloren, bin vernichtet, oh lägen Tote rings geschichtet.“ Und ETA. Hoffmann hat es vertont. „Tote, rings geschichtet“, kennen wir das nicht? Fouqués Opernschaffen war insofern hilfreich, als es Wagner abschreckte von peinlicher Libretto-Reimerei. Er nutzte gleichen Anlaut. Stabreim. Archaisches.

Wagner war unbezweifelt groß im Erschaffen von Geschöpfen für Bedingungsloses, für „unbedingte Gefühle“. Für endlose Liebe. Was anderen womöglich egozentrisch erscheint, als fern von allem Sozialen, von Gemeinsinn, gar von Demokratischem. Für seinen Siegfried als „vollkommensten Menschen“ oder Übermenschen, da gilt nichts Übliches. Gezeugt wird er von den Kindern des Göttervaters, im Inzest und unter Drogen, und im „Ring des Nibelungen“ wird er durchweg gefeiert, als Lichtgestalt, als „siegendes Licht“.

In seinem ersten Auftritt erscheint Wagners Siegfried nicht wie im Nibelungenlied als Prinz aus Xanten, sondern als Urnatur. Zu Beginn bricht er hervor aus Wald und Höhle, mit einem Bären, mit dem er einen Zwerg erschrickt. Zum Erschrecken einen Bären loszulassen, das gibt es auch im Nibelungenlied. Aber wie radikal anders! Im Nibelungen-Epos ist es letzter Auftritt der Hauptfigur Sivrit und wendet sich nicht etwa gegen einen Schwächsten, sondern gegen die Obersten, gegen die Jagdgesellschaft, gegen die Wormser Herrschaften, kurz bevor die ihn, ihren hilfreichen Gast, ermorden. Im nicht gerade als heiter verschrienen Mittelalter dagegen, da treibt Sivrit Späße bis zuletzt. Wie fast schon ein früher Eulenspiegel schreckt er keinen hilflosen Obdachlosen, sondern Burgunds Regierende, sein Bär schafft ungemach, kippt alle Fässer um, so dass es nichts mehr zu trinken gibt, fürs Trinken bleibt nur noch der Wettlauf zu der Quelle, an der Heermeister Hagen ihn dann ermorden kann, den mehrfachen Retter Burgunds.

Wagners „vollkommenster Mensch“ dagegen, sein Siegfried schockt mit dem Bären keine "bessere" Gesellschaft, sondern schreckt mit der Bestie den ängstlichen Zwerg Mime. Krüppel Mime hatte den Siegfried einst gefunden, als der ein hilflos „zullender“ Säugling war, hat den dann irgendwie genährt, zog ihn auf, lehrte ihn das Schmieden. Gleich im ersten Auftritt  den nun groß gewordenen Ziehkinds kommendiet Wagners Jung-Siefried den Bären: „Friss ihn, den Fratzenschmied!“ Eine „Fratze“ ist für die Lichtgestalt dieser Zwerg, Winzling Mime ist für den nur wert verhöhnt zu werden.

Dem, der ihm ins Leben half, dem wirft der „wahre Mensch“ Siegfried nun auch noch Eisenstücke in die Schmiedeglut: „Da hast du die Stücken, hässlicher Stümper, hätt’ ich am Schädel sie dir erschlagen! … Wäre mir nicht schier zu schäbig der Wicht, ich erschmiedete ihn selbst … den alten albernen Alp!“ Wagners Dichtung schafft Neologismen, macht aus „erschlagen“ ein „erschmieden“. Und als Motiv fürs Erschlagen oder Erschmieden reicht es offenbar, das Opfer „schäbig“ zu finden, „hässlich“. Wäre Goldgier das Mordmotiv, dann müsste Siegfried im „Ring“ alle erschlagen, diese Gier plagt alle, sogar Siegfried (und den Autor selbst). Den Ziehvater tötet sein "wahrer Mensch" nur, weil er den „alt“ findet, „hässlich“, also hassens-wert. Lebens-unwert?

Wagners „Vollkommenster“ will den Winzling ausdrücklich (Zitat) „in Stücke schlagen… beim Genick möcht ich den Nicker packen, den Garaus geben dem garstigen Zwicker“. Nur „Garaus“ verdient der „Schäbige“, so jedenfalls singt sie, diese Leit- und „Licht“-Figur. Tatsächlich erschlägt das "siegende Licht" dann den Alten. Singt aber: „Nothung streckte den Strolch“. Das Schwert Nothung ist Täter? Auch seinen Siegfried konzipierte Wagner als „absolut frei“, frei „von Furcht“, von Rücksicht, auch diese Urnatur Siegfried leiten offenkundig allein „Instinkte Instinkte“, zu denen Wagner sich wiederholt auf persönlich bekennt. Für ihn können nur wahrhaft Freie „wahrhaft Liebende“ sein. Sein Siegfried besingt sein Schwert Nothung sozusagen von Natur zu Natur, er nennt seine Waffe „neidlich“, auch Materie hat offenbar Mordlust (Zitat): „Nothung streckte den eklen Schwätzer“. Kruppstahl vollstreckte also die Kriege seit 70/71? „Ekle“ Unnatur, sie muss „fallen“, gefällt werden. Für wahre Natur sind „Wichte“ nichts anderes wert. Im „Ring“ scheint die Natur des Mannes nichts anderes zu sein als Naturkatastrophe. Bayreuths Festschrift 1933 hat das gut erklärt, immer mal wieder sind ja auch Programmhefte hilfreich: „Siegfried fühlt gegen Mime blutsmäßige Abneigung“. Uriges Mordmotiv eines „vollkommensten Menschen“, 1933. Ähnlich grölen neuerdings neue Nazi-Horden. Und nennen sich „Nibelungen“.

Bevor Wagners Siegfried auch den Drachen erschlägt – "in der Tat", auf der Bühne – da besingt zuvor auch und sogar der Drache die Lichtfigur Siegfried, und zwar so: „helläugiger … rosiger Held“. „Helläugig“? „Rosig“? Das meint ja wohl Merkmale der angeblichen „Rasse“, die sich für die allerbeste hielt und längst wieder halten will. Wagners Gottvater Wotan hatte in das Metall, aus dem sein Enkel die Waffe schmiedet, sein göttliches Licht geschickt, auch Himmelsvater Wotan preist alsdann Siegfrieds „lichte Art“. Und diese „Art“, sie lebt unüberhörbar nach dem Gesetz, wonach der Stärkere der Bessere ist und deswegen mehr Rechte hat als jeder andere. Siegfried first. Blut und Ur-Natur als Kriminalfall. Als Grundgesetz für vollkommenste Menschen? Auch Hagen tönt so, Brünnhilde gehöre, so singt er, „einem Stärkeren nur“. Für dieses Recht der Stärkeren wird in den vier Ring-Opern insgesamt sieben Mal gemordet. Dagegen liefert das Epos des finsteren Mittelalters in der Siegfried-Hälfte des Nibelungenlieds nur einen einzigen Mord. Den an Siegfried.

In Wagners „Ring“ ist Siegfried tatsächlich „Totschläger“. Wird freilich gefeiert, als „siegendes Licht“, als „Herrlicher“. Auch Brünnhilde, bei Wagner Siegfrieds Tante, singt hingegeben „Heil dir, Siegfried! … Hort der Welt!“. Brünnhilde wie Siegfried, beide sind unentwegt umstrahlt von Lichtmetaphern, laut Igor Strawinsky „in chronischer Aufgeblasenheit“. Laut Libretto liebt Brünnhilde den Siegfried „brünstig“. Ins Dunkel der Welt kommt Licht wohl nur durch Urnatur, durch Instinkt. Nicht nur Brünnhilde preist die Lichtgestalt ihres Neffen als „hehrsten Helden der Welt“, auch Waldvögel besingen ihn, und zwar als „Walter der Welt“. Das Beschwören von Stärke und Größe und Herrschaft dominiert das alles ähnlich ausdauernd wie jenes kindische Selbstlob im Superlativ, das dem letzten US-Präsidenten unablässig entfuhr.

Überraschend erkennt dann aber auch Prinzessin Gutrune diesen Siegfried als „Mächtigsten“. Drum will nun auch sie nur ihn besitzen, auch sie sicherlich "brünstig". Doch Brünnhilde ist nun mal die „hehrste“, sie begehrte den Siegfried als erste, noch uriger als Gutrune, wörtlich „hehrst“, drum fühlt allein sie sich (Zitat) „dem Stärksten nur bestimmt“. Sie und Siegfried,  beide kommen als "Hehrste“ daher, gehören einander. So sieht das auch Hagen und rät drum der Gutrune: „Nach Stärkerem späh, willst du den Stärksten bestehen“. Wer Helden gewinnen will, muss also noch stärker sein als der, muss morden können, am besten stärker als der Stärkste. Dieses Denken und Handeln in Stärke-Kriterien, es fällt schwer, das nur kindisch zu finden oder komisch, für mich ist es beklemmend. Weckt meine erste Lebenszeit, damals war das „Blutsmäßige“ Staatsreligion, narkotisierend.

Weil nun auch Gutrune den Stärksten zum Mann will, muss Siegfried die Brünnhilde vergessen, die blutsverwandte brisante Tante. Und dies Vergessen gelingt ihm mit Hagens „betäubendem Sud“, dem „Vergessenstrank“. Kaum ist der geschluckt, ist tatsächlich alles dahin, Siegfrieds frenetisch besungene Ewigkeit mit Brünnhilde, erhaben und ausführlich war die beschworen worden als „der Götter heiliger Himmelsnebel“, all dieses „ewig…siegende Licht“ – plötzlich weg. Glaubwürdig  machte sich Loriot lustig über solche Rückgriffe aufs Kasperle-Theater. Zumal dann erst ein „Wieder-Erinnerungs-Trank“ Siegfried zurückholen muss in neues „ewiges“ Singen und Trachten in Richtung Brünnhilde. Da jedoch verweigert sich Brünnhilde, jetzt ist „Götterdämmerung“, nun will sie Rache, verrät Hagen die Schwachstelle in Siegfrieds Rücken, für Mord Nummer sieben.

Wenn am Ende der vier „Ring“-Opern auch der „Hehrste“ gemeuchelt ist – gegen alles Vorrecht dieses Stärksten – dann tönt ergreifende Musik. „Der Reinste war er“. Erschütternde Trauer um eine immer wieder gerühmte Gestalt, deren Worte mir früh deutsche Ängste weckten, Angst vor fanatischem Vernichten. Laut Hagen verleiht der Ring „heiliges“ Beuterecht („Gött.“, III). Da höre ich nun Polens Generalgouverneur Hans Frank, der ließ massenhaft foltern und morden, und den zitiert der Sohn Niklas so: „Der Beutetrieb ist nun mal ein Urtrieb des Menschen. Von Juden reden wir erst gar nicht“. In Wagners Szenen ist Beuterecht auch „Mannesrecht“, an Frauen. Sein König Gunther rühmt die eigene „Erstlingsart“, die schafft ganz offenkundig Beischlafrecht.

Hagens Mord an Siegfried wird begleitet vom Geschrei der Raben. Hagen weiß: „Rache raten sie mir!“ Natur ist halt so. Auch Brünnhildes Ur-Natur treibt Rabenlust. Als hätten die Weisen nicht seit je Natur beschrieben als symbiotischen Zauber, fabelhaft vielfältig. Doch schon ein Wort wie „Teilen“ gilt das als Zumutung, im „Ring“ provoziert das „Krieg“. Im alten Nibelungenepos dagegen stiftet und sichert „Teilen“ Frieden, da erklärt König Gunther den von Sivrit bezwungenen Feinden (Str. 127): allez daz wir hân … daz sî iu undertân und sî mit iu geteilet. Und Burgunds König im "finsteren" Mittelalter verkündet den Sachsen, nachdem Sivrit sie von Grund auf befriedet und versöhnt hat (Str. 310): mîn guot, daz will ich mit iu teilen, des hân ich willigen muot – „meinen Besitz, den will ich mit euch aufrichtig teilen“. Die von Sivrit zu Freunden gewonnenen Feinde sind damit ganz und gar einverstanden und antworten: ê daz wir widder rîten heim in unser lant, wir gêrn staeter suone – „eh wir wieder heimreiten in unser Land, ersehnen wir bleibenden Frieden“. Im Hochmittelalter humane Wege, Vernunftwege, ermöglicht durch Sivrit. In deutscher Hochromantik Mordwege. Autorisiert durch Wagner. Sorry, aber so lauten nun mal Wagners Texte.

Sir Simon Rattle, am Ende doch auch mal Wagner-Dirigent, pries sehr die Musik, fand aber seine Texte „eher störend“. Wagner will in Europas Aufruhrjahr 1848 tiefe Einsichten gesammelt haben für seinen „Ring“. Wo aber wäre im „Ring“ ein Echo auf 1848, auf die Visionen des Völkerfrühlings, der Paulskirche, des erstem deutschen Parlaments, also der 1848er. Wo sind im „Ring“ Austausch, Teilen, Beistand, Rücksicht, Solidarität, Verständigung, Kompromiss, Integration, Demokratie – was bekanntlich auch „vollkommenste Menschen“ hinausheben könnte über Ur-Natur und Bestialisches. Wo blieb im „Ring“ auch nur eine Spur von den 1848 quer durch Europa erwachten Hoffnungen auf verwirklichte Menschenrechte - der Lyriker Herwegh über Preußens und Bismarcks erste kaiserliche Siege: „Germania, mir graut vor dir“.

Zufällig in den Tagen, in denen Wagner 1848 Entwürfe zum „Ring“ notiert, in denselben Monaten entsteht von einem sehr anderen Komponisten als Echo auf 1848 eine sehr andere Oper, tatsächlich eine erste und einzige klassisch-romantische Arbeiter-Oper. In großem Ernst 1848 getextet und komponiert rund um die Hauptfigur eines Fabrikarbeiters und seine Botschaft: „Denn leiden soll kein Mensch auf Erden“. Getextet und komponiert in jedem Sinn vor Wagner von dem Theater-Vollblut Albert Lortzing, eine Robert-Blum- und Fabrik-Oper, anfangs mit regelrechtem Lohnstreik, dann mit Brandschatzung der Fabrik und mit Terror. Am Ende jedoch siegen endlich „Einigkeit“ und „Recht“ und „Freiheit“. Theaterromantiker Lortzing, dessen komische Opern 100 Jahre lang für volle Theater sorgten, seine Freiheitsoper im deutschen Demokratie-Versuch 1848, sie wird von fast allen großen Opernhäusern ignoriert. Lortzing endete, mit großer Familie, in unsäglicher Not.

Im „Ring“ fehlt alles, was auch nur von fern an Paulskirche oder Demokratie erinnern könnte. Für Wagner ist Siegfried „deutscher Rebell“. Der Ehefrau Minna schreibt er (Zitat): „…dass ein wirklich siegreicher Revolutionär gänzlich ohne alle Rücksicht verfahren muss – der darf nicht an Weib und Kind denken. Sein einziges Streben ist: Vernichtung.“ In der Tat, Wagners Brünnhilde singt: „Nacht der Vernichtung, neble herbei!“ Im „Ring“ dominiert nun mal (Zitat) „mordliches Ringen“.

Anfangs ist der Ring im Besitz des Drachen. Als der erschlagen ist, muss Wagners Siegfried denn doch mal zu grübeln beginnen (Zitat): nun „grämt mich schier, dass viel Üblere unerschlagen noch leben“. Welch eine Botschaft. Aber es folgten ja dann genug reale Kriege. Der Attentäter in Halle bedauerte jetzt seine Tat, warum? Weil er nur ach so wenige Ausländer habe erschießen können. Zitierte also fast wörtlich, ohne so was zu ahnen, den Siegfried des Richard Wagner. Auch in dessen "Ring" als Krieg ums Dasein hat einfach nicht jeder Daseins-Berechtigung.

Wie schon im Anfang allen Opernwesens, zur Uraufführung seines Opernweltkriegs in Bayreuth erschienen die Machthaber. Da kam sogar der Kaiser. Und alle fanden es noch mal von Grund auf bestätigt, ihr „Gottes Gnadentum“. Wagners „Ring“ spiegelt weder Europas Aufruhrjahr 1848, dieses frühe Zeugungsjahr unseres Grundgesetzes mit der "Würde des Menschen unantastbar", noch hat Wagners „Ring“ im Ernst irgendetwas zu tun mit dem Nibelungenlied. – Von diesem Epos von nun an Genaueres.



Im Epos ist die Hauptfigur, ist Sivrit keine Urnatur aus Wald und Höhle, sondern ein junger Minne- und Friedensritter, ein Retter. Bevor dieser Prinz vom Niederrhein am Oberrhein Unruhe stiften kann, zumal in der Burgunderprinzessin Kriemhild, da verbreitet Hagen von Tronje Gerüchte über ihn, wie ein früher Minister für Propaganda. Der Xantener, so behauptet Hagen, der habe einen Drachen erschlagen, überdies „siebenhundert Recken“, auch Riesen, auch Könige, der nutze unterirdische Tarn-Künste von Zwergen, der habe dem Drachen nach dem Erschlagen den Hort geraubt. Hagen tut alles, um den potentiellen Kriemhild-Bewerber in übles Licht zu rücken, erreicht freilich eher das Gegenteil, Kriemhilds Faszination. Vom sagenhaften Vorleben ihrer Hauptfigur, von dem Xantener Sivrit lassen die Passauer Verfasser nur einen erzählen, den Waffenmeister. Das ist klar markiert, ab Strophe 86: Alsô sprach do Hagene, Doppelpunkt, Satzzeichen.

13 Strophen dauert Hagens Negativpropaganda, das endet mit Abführungszeichen und: So sprach von Hagene Tronege. Dass die Handschriften das nur so anbieten, nämlich als Hagen-Intrige, selbst das blieb ignoriert. Sivrits Untaten stehen in Extrazeichen. Wenn was real wäre an Hagens 13 Strophen, warum lassen die Autoren dann nicht den Sivrit auch selber solche tollen Taten auftischen, schon beim ersten Auftritt am Wormser Hof trägt er, wie es im Ruhrgebiet heißen würde, die ganz dicke Hose, gibt an wie ein Sack Seife, da hätte Prahlerei vom Drachenkampf prächtig gepasst, zumal das Epos sonst keine Gelegenheit auslässt, Pracht und Prunk zu schildern, nämlich als Ritterlichkeit, ob in Waffen oder Kleidern und in besonderen Worten und Aktionen.

Wenige Tage nach meiner Geburt in einer Krupp-Klinik in Essen legte mein Vater mir ein Tagebuch an, da begrüßt er mich (den "Solljungen") auf Seite 1 als seinen Sohn („Der Solljunge“) und wünscht mir „Werde einst ein ganzer Mann!“ - was ein ganzer Mann sei, formuliert er nicht, der Bauernsohn. Auf dem ererbten Heidehof bei Celle, da war er in der Geschwisterreihe Ältester, doch statt Landwirt zu werden, studiert er um 1900 in Hannover lieber die Zukunft, Elektrotechnik. Im Willkommen zur Geburt seines dritten Sohns schwärmt er im Frühjahr 1936 in großem Ernst (Zitat.): „vom größten Siege, vom Sieg des Friedens. Vergiss nie, dass das deutsche Volk diesen Sieg Adolf Hitler zu danken hat, dem Manne, dem du danken kannst, dass du lebst. Ohne ihn wäre Deutschland nicht, wärest du nicht.“

Wenige wissen so genau wie ich, warum sie auf der Welt sind. Ich also wegen Friedensfürst Hitler - ja, es gab solche Gläubige, es gab sie in Massen. Auf seiner Olympia tippte mein Erzeuger den Namen „National-Sozialist“ gern mit Bindestrich, das sollte an den guten Anteil erinnern, an den "Kameradschaftlichen", wie er sich später ausdrückte, also an den „Sozialisten“. Celan sah deutsche Dichter noch nach 1945 als „Links-Nibelungen“. Und ebenfalls, welch ein Wort: „National-Sozialisten“.

1965, in Frankfurt liefen die Ausschwitz-Prozesse, da schickte mir der 70jährige fast hundert handgetippte Seiten unter dem Titel „Der große Irrtum“. Schreibt vom „größten Verbrechen der Menschheit“, weiß nun längst von „unvorstellbarer Grauenhaftigkeit“. Geblendet gewesen sei er, von Friedenslügen. Hoch wirksame Propaganda hat in der Tat von Grund auf Massen berauscht, so sehr, dass Goebbels und Co ihre Lügen am Ende selber geglaubt haben müssen. Psychologie hat es ermittelt, Chancen auf Verbreitung haben Lügen dann, wenn die Lügner sie selber glauben. Erst nach dem Tod meines Vaters wurde sein „Großer Irrtum“ ein Buch, sogar ein beachtetes, Vorwort Harald Welzer. Auch Hagen von Tronje muss seine Drachen-Sagen am Ende selber geglaubt haben. Wie sonst hätte er mit Kriemhild so ernsthaft reden können über die Schwachstelle im hornhäutigen Rücken des Ritters aus Xanten, aus dem nidderland.

Auch in der größten deutschen Stadt, in der Zwölf-Großstädtestadt Ruhr war meine Kindheit vaterländisch bewegt, waren Fakten berauschend verschüttet. „Und morgen die ganze Welt.“ Betäubt von Selbstherrlichkeit, man sei der Stärkere, also der Bessere. Auch meine großen Brüder schwärmten von Siegfried, schrieben mir, dem Solljungen, gleichfalls ins Tagebuch: Das erste, was ich hätte singen können, fünfjährig, das lobe eine „Siegfried-Linie“. Mit „Bomben auf Engel-Land“. Ja, „Engelland“ hätte ich gesungen. Ich weiß es noch jetzt, in Erinnerung habe ich weiterhin das Gebrumm von Flugzeugmotoren und das Gerede eines Reporters, der behauptete, jetzt über Lodnon zu fliegen. London war also die Hauptstadt der Engländer, wusste ich, der Leute, die "Bomben" warfen auf uns, "auf Essen". Im Winter 42/43 verkaufte ich sechsjährig bunte Holzpuppen als Siegfried oder als Gunther oder Hagen. Das Geld, hörte ich, sei „für die Ostfront, wo unsere Soldaten bitter frieren müssen in sibirischer Kälte“. In der „Frauenschaft“ strickte die Mutter Pullover und Socken für die Ostfront, und ließ mich singen. Von „Engelland“.

Das alles kippte auch auf mich einen Kriegs-Siegfried. Aus Volksbüchern und aus üblem Unterricht. Da galt die aktuelle Schrift „Politische Unterrichtspraxis“ (1934), die sah den Siegfried des Epos (Z.) „als glückhafte Verkörperung rassischer Hochwerte“. In den Weltkriegen zog Militärführung „Siegfriedlinien“. Germanisten klärten leider nie, dass es im Nibelungenlied dem Siegfried oder Sivrit gelingt, Kriege zu blockieren, Kriege sogar zu vermeiden. Und dass er da niemanden mordet, nicht mal Drachen. Doch die Handschriften waren inzwischen längst verklärt, zu Urkunden der Nation, genaues Lesen war unnötig oder hätte Probleme gegeben. Als erster Herausgeber der St. Galler Fassung rühmte Germanist Myller das Epos als „teutsche Ilias“.

Und Friedrich von der Hagen, gleichfalls früher Germanist, feierte das Lied als „Urkunde des unvertilgbaren teutschen Karakters.“ Der im Vormärz erfolgreiche Theaterdichter Kotzebue sah Siegfried „über die Deutschen gekommen wie ein deutscher Napoleon“. 1870, im Krieg gegen Frankreich erklärte Germanist Karl Simrock das Nibelungenlied, er war Herausgeber der ersten Groß-Ausgabe, als „Feld- und Zeltpoesie“, mit der man (Zitat) „Armeen aus der Erde stampfen“ könne gegen „die Verwüster des Reiches, gegen die gallischen Mordbrenner und ihre römische Anmaßung“, also gegen Frankreich und Rom. Keinen Moment störte es Simrock, dass die fast zehntausend Zeilen Sivrit nie "deutsch" nennen. Mit Simrocks Übertragung operierte zum Beispiel Professor Wapnewski in seiner populären Radio-Serie in Sachen Nibelungen. Und ein Intelligenter Dichter wie Friedrich Hebbel nennt sein Nibelungendrama „deutsches Trauerspiel“, feiert das Epos als „gewaltigsten aller Gesänge von deutscher Kraft und deutscher Treue“. Hebbel wie Wagner und frühe "Germanisten", vom Nibelungenlied verbreiten sie verhängnisvoll Falsches. 1907 querte die Limousine des Kaisers die Reichshauptstadt und hupte Wagner-Motive.

Im selben Jahr feierte der Philosoph Wilhelm Dilthey das „nationale Epos“ als „wahrste Darstellung von Heldentum und Nation“. Im Weltkrieg markierte dann Militärführung neben Siegfriedfronten auch „Hagen-Stellungen“. Und das „gemeine Volk“ reimte hirnlos: „Jeder Stoß ein Franzos“. „Jeder Schuss ein Russ“. Noch nach Weltkrieg II bezeichnet Heiner Müller - in "Die Kinder der Nibelungen" - das Epos als „deutschesten aller deutschen Stoffe“ und sieht Siegfried in einem „Totenhaus“. Die Text-Wahrheit ist, Sivrit lässt Verwundete retten und pflegen, Sivrit stiftet Versöhnungen, Turniere und sogar Festspiele.

Vergebene Mühen der Passauer Mönche. Denn wer heute von Siegfried redet, kennt nur den Siegfried des „Ring“, selten oder nie die Hauptfigur im Epos des Hochmittelalters. Ernst Jüngers Kriegsbuch „In Stahlgewittern“ wurde begrüßt als „Siegfried-Buch“, und was das hieß, sagte Freischärler Jünger deutlich genug (Zitat): „Unsere Arbeit ist töten, und es ist unsere Pflicht, diese Arbeit gut und ganz zu tun.“ Wie singt Brünnhilde? „Vernichtung neble“. Auch Germanist Felix Dahn dichtete in sehr hohem Ton: „Und lachend, wie der grimme Hagen, so springet in die Schwerter, in den Tod! So soll Europa stehn – in Flammen!“ Gelang fast lückenlos, Europa in Flammen. Wie nur konnte das alles passieren, fragte mein Vater zuletzt. Frage auch ich, finde in Sachen Nibelungen stets ältesten und nun doch auch wieder neuen Nebel. Der Karlsruher Generalstaatsanwalt brandmarkt derzeit stärksten Rechts-Extremismus.

Doch wuchs mir um so mehr Respekt vor einem anderen Autor, der früh jede vaterländische Berauschtheit zu meiden wusste. Als Welt-Dichter exzellent, als Wissenschaftler auf den Höhen seiner Zeit. Der schickte seinen Sohn ins Studium nach Heidelberg ausdrücklich mit dem Auftrag, dort eines auf jeden Fall zu studieren, den Code civil, die Menschenrechte, deren erste Verfasstheit unter Napoleon. Diesen Dichter denke ich mir gern als Bergwerksdirektor, zumal er dies in Weimar de facto war, Goethe. Weswegen er noch im Alter von 80 Briefe unterzeichnete mit dem Bergwerksgruß „Glück auf!“ .






Wohltuend genau kannte Goethe das Nibelungenlied. „Bei Tische“, 1808, notierte Bibliothekar Riemer, für ihn, Goethe, wirke in den Nibelungen Tragisches beispielhaft. Einzig ist damals der präzise Blick Goethes auf einen scheinbar veralteten Wortlaut, nicht hoch genug zu schätzen unter all den namhaften Berauschten um 1800, in Berlin, Jena oder Tübingen, als sich „Germanisten“ kenntnisfrei ins Schwindeln steigerten am mittelalterlichen Epos als Nationaldichtung. Fest gemauert in Hirnlähmungen wie "Unbezwingbarkeit" oder „Nibelungentreue“ – sehr gern in Treue zum obrigkeistreuen Hagen – neuerdings wohl wieder zur puren „Blutsauerei“. Hagens Intrigen finden ganz offensichtlich Opfer bis heute. Weit jenseits der tatsächlichen Tragik dieses zeitlosen Epos.

Walther Rehm, jahrzehntelang Freiburgs Ordinarius für neue Literatur, klärte 1956 im überfüllten Hörsaal 1 „Das Tragische“ und tat dies ausgerechnet anhand der so genannten „Blutsauerei“. Rehm las aus dem Epos-Finale nur eine einzige Strophe, wörtliche Rede des Ritters Rüedegêr, kurz vor seinem Schwertkampf mit Gernot von Burgund, den Rüedegêr nicht überleben wird.


Was immer ich nun lasse, um das andere zu tun,

so hab ich in jedem Fall böse und ehrlos gehandelt.

Wenn ich aber beides unterlasse, verachten mich alle.

Nun geruhe mir der eine Lösung zu zeigen, der mich ins Leben geraten ließ.“

 

Swelhez ich nu lâze unt daz andere begân,

sô hân ich boeslîche unde vil ûbele getân:

lâze aber ich si beide, mich schiltet elliu diet.

Nu ruoche mich bewîsen, der mich ze lebene geriet.



Wenn schon eine kluge Frau, ausgezeichnet mit höchstem deutschen Literaturpreis, beharrt auf „Blutsauerei“, wie sieht es dann aus im Inneren von elliu diet, von „allen Leuten“, wie gefährdet, wie gefährdend? Aus diesem schiltet mich elliu diet, aus dem diet – aus dem Wort für Leute – wurde das Wort für „Deutsche“. Liedermacher Herwegh mahnte nach 1848 vergeblich: „Rassenfragen gehören in die Gestüte“. Wagner selber wertete Wotan auch als „Gott der Arier“. Von ihm gab’s eben nicht nur die Ausfälle gegen komponierende jüdische Konkurrenten wie Meyerbeer oder Mendelssohn, auch seine Szenen und Figuren sind, beim Wort genommen, nur „blutsmäßig“. Wenn live übertragen wird von den Wagner-Festspielen, dann gellen am Ende Schreie – für die Inszenierung? die Sänger? das Dirigat?

Nie solle ich Hitler vergessen, mahnte mein Vater, dem hätte ich zu danken, dass ich lebe. Das wird gemacht, Alter, und auch dein Ver„Führer“ missbrauchte für seine verwirrten Verwirrungen das alte Europa-Epos, zum Beispiel Hagens Speerstoß in Sivrits Rücken. Dieser Stoß war 1918 für ihn ein oder der „Dolchstoß“ in den Rücken Deutschlands, gestoßen von „Undeutschen“ (Zitat „Mein Kampf“): „So lange wurde gehetzt und gewühlt, bis endlich der kämpfende Siegfried dem hinterhältigen Dolchstoß erlag.“

Dazu hier nun eine bewegend einfache Briefstelle. 1914, letzte Zeilen eines 19jährigen aus Flandern, an seine Eltern, kurz bevor auch er fiel. „Glaubt mir, ich beneide keinen, der mit heilem Fell davonkommt und übrig bleibt. Irgendetwas stimmt an unserer Zeit nicht. Irgendetwas stimmt an Deutschland nicht.“

Deutscher Glaubens- und Nationalkrieg kostete 60 Millionen „Gefallene“. Meist junge Leute. Jungens lernten eigentlich früh, nach dem Hinfallen wieder aufzustehen. 27 Millionen russische und ukrainische hatten da keine Chance. Auch zwölf Millionen deutsche, sechs Millionen polnische. Sechs Millionen jüdische – Ermordete. Für neue Betrüger und Selbstbetrüger nichts als „Vogelschiss“.

Germanisten haben nach 1945 von Siegfried eigenartig viel geschwiegen. In Scham? Immerhin lernte ich in Freiburg sieben Jahre lang Altdeutsch, bei Siegfried Grosse und bei Siegfried Gutenbrunner. Freiburgs damals bekanntester Altgermanist Friedrich Maurer, den hörte ich, wie er in voll besetzter Aula 1956 erklärte: „Hauptfigur im Nibelungenlied ist eindeutig Kriemhild“. Hm. Und von was handelt dann das Epos? In zehntausend klangvollen Versen geistlicher Verfasser erzählt es die ungeheure Liebesgeschichte der Kriemhild und des Sivrit. Hier die ersten zwei Zeilen der St. Galler, der Handschrift B:


Uns ist in alten maeren / wunders vil geseit

von helden lobebaeren / von grozer arebeit.

Uns wird in alten Berichten viel Wunderliches gesagt,

von Helden, die man loben könnte, von enormer Mühsal.“


Nur zwei Zeilen, aber welch ein Vorwort. Die nur zwei Zeilen teilen mit, um drei Welten werde es gehen, um alte maeren, um wunders vil, um groze arebeit. Maeren sind nicht Märchen, sondern, was heute Nachricht hieße. Schon damals gern bezweifelt - etwa vom Liedersänger Walther: der iu maere bringet, daz bin ich. Und wenn 300 Jahre später Luther seinen Engel singen lässt „ich bring euch gute neue Mär“, meint auch Luther keine Märchen, sondern Verkündigung.

Zwei Zeilen nur, aber sie öffnen Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Die meinen im Vergangenen immer noch  die erste dokumentierbare, die alte blutige Massenbewegungen quer durch Europa, meginfart michil, Völkerfluchten. Mit denen kriegt Sivrides arebeit zu tun, mit Völkern, die unterwegs sind von Ost nach West und Süd. Des Xanteners arebeit meint ritterliche Anstrengung, gegen Krieg. Wunders vil , die dritte Wendung in den zwei Zeilen, wunders vil wuchert rund um den Waffen- und Heermeister. um Hagens Propaganda.  

Dieser erste Weltspiegel deutscher Sprache, er startet wie ein moderner Roman, mit drei Zeiten und drei Welten, weiß von Völkerwanderungen, zugleich von ritterlich höfischer Gegenwart und Mühe, obendrein von Zukunft, denn schon Zeile drei prophezeit weinen unde klagen. Harten Vorausblick liefert diese Aventiure Eins auch nochmal mit ihrer Schlusszeile, da meint das Wort sîn den Sivrit: „Durch sîn eines sterben starb vil maneger muoter kind“. „Durch sein einzigartiges Sterben starb unzählbar vielen Müttern das Kind“. Wahr geworden millionenfach. Noch nach 800 Jahren auch im Brief des 19jährigen aus Flandern: „Irgendetwas stimmt mit Deutschland nicht“.  

Aventiure Eins erzählt von Burgunderprinzessin Kriemhild, die in Worms vom Falkenflug träumt. In ihren Flugträumen stirbt der Falke. Aventiure Zwei erzählt vom Prinzen Sivrit in Xanten. Als der von der Burgunderprinzessin erfährt, erklärt er den Eltern, er wolle hohe minne, in Worms. Aventiure Drei bringt von Heermeister Hagen das sagenhafte Vorleben des Sivrit, seinen Reichtum über den Hort des Drachen, den er erschlagen hätte. Im Streit über gutes Teilen habe der Drachentöter die Riesen getötet, einen König und sogar siebenhundert Krieger. Ausdrücklich erzählen das die Epos-Autoren nicht selbst, sondern lassen das den Hagen fabulieren, obwohl der anfangs gestanden hatte, diese Xantener, die seien im vil vremde, „wären ihm sehr fremd“, plötzlich aber weiß er Fatales von Sivrit, so ist das nun mal mit Propaganda. Die Epiker berichten danach fast wortgleich, nicht nur Sivrit versuchte vil der rîche, "besuchte (und kannte) viele Reiche“, auch Hagen sint kunt diu rîche.

Wenn Sivrit dann tatsächlich am Hof zu Worms auftritt, schreckt er Burgunds Herren, protzt wie ein Muhamad Ali des Mittelalters, prahlt aber nicht etwa von Siegen über Vorzeitmonster, das hätte doch nun blendend gepasst, nein, Wunderliches bleibt Sache des ersten deutschsprachigen Propaganda-Fachmanns. Jung-Sivrit  gibt nun an wie ein früher Spitzensportler, Burgund werde er im Nu besitzen und besetzen. Im Zeichen hoher minne ist das übles Benehmen, doch das endet in dem Moment, in dem Sivrit an Kriemhild denkt. Do gedâhte Sivrit an die herlìchen meit er het uf hohe minne sîne sinne gewant, da hatte er seine Sinne "gewendet", auf hohe minne“, erst im Gedanken an die Frau wird er manierlich, „höflich“  – eine erste Lehre im riesigen Nibelungen-Lehrstück. König Gunther redet dann sehr freundlich vom Teilen (Str.127): Allez daz wir hân, daz…sî iu geteilet – lîp unde guot. „Alles was wir besitzen, sei mit Euch geteilt – Leben und Gut“.

Vorweg leistet Sivrit Kriegsdienst, ein gutes Jahr lang. Aber dann, was was tut sich bei Sivrides erstem Treffen mit Burgunds Prinzessin? (Strrophe 293): Bi der hende si in vie, „bei den Händen nahm sie ihn“. Si in vie heißt aber wörtlich „sie fing ihn“, sie fasst den jungen Mann an, berührt ihn. Kriemhild, von dem Gast gefesselt, fesselt ihrerseits. Das Nibelungenlied erzählt von vielfachem Fesseln, von Abhängigkeiten. Eine Deutung für das Ganze der ersten Hälfte des Epos scheint zu sein: Wan daz in twang ir minne – „hätte ihn nicht ihre Liebe gefesselt“ – in schöner Doppel-Bedeutung von ir minne, „ihre“, denn nicht nur Kriemhild, beide begehren einander. Und die Autoren versuchen das zu sagen in der Sprache der Hohen minne: Durch ir unmâze scoene, „wegen ihrer unsäglichen Schönheit“ er naeme für sie eine niht tusend anderiu wîp „für diese Einzigartige nähme er keine tausend andere“.

Das Patriarchat erwartet von diesem Xantener vorweg arebeit, Leistung, erst recht für eine Prinzessin. Statt Minnedienst erst mal Kriegsdienst, für Worms überlebenswichtig,  Dieser Festungsbau der Römer ist begehrt von anderen Völkern. Und der Xantener dient nun auf besondere Weise. Ihm gelingt nichts weniger, als Kriege zu umgehen. Da wolder wesen herre für allen den gewalt, des in den landen vorhte, der degen küen unde balt, „da war dieser mutige und kühne Ritter bereit, sämtliche Gewalt zu beherrschen, alle Bedrohungen des Landes“. Und wie handelt er dann, im Denken an die herliche meit? – Die meistec hat verhouwen des küenen Sivrides hant, die meisten Feinde „verhaut“ er anfangs „eigenhändig“. Kriemhild kunden disiu maere nimmer lieber gesîn, sie konnte davon nie genug hören.

Fasziniert ist sie nicht nur von dem Kraftkerl, auch von seiner spöttischen Grund-Einstellung, fast schon wie ein erster Eulenspiegelei redet dieser Gast, wenn er vor einem Kampf dem König rät: belîbet ir bi den frouwen und traget hohen muot, Herr König, „bleibt Ihr hier bei den Frauen und beschäftigt euch mit euerem hohen Mut“. Und dann ist die Hauptfigur des Nibelungenlieds kein „Totschläger“, sondern agiert wie ein früher „Tyll“, mit Spott, auch mit Spott für hohen muot und hohe minne. Im alten Epos ist Sivrit jedenfalls nicht wie bei Wagner dumpfe Urnatur und Monster aus Wald und Höhle, sondern ein ritterlich verspielter Königssohn, spöttisch. Besiegt aggressive Völker fast sportlich, nicht mordend, sondern tatsächlich und in mehrfacher Weise „fesselnd“.

Im Wortlaut des Nibelungenlieds geht es immer neu ums WIE. Das WAS wird ja von Beginn an mitgeteilt. Dass Katastrophen warten, weinen unde klagen, das meldet nicht erst Kriemhilds Falkentraum, schon Zeile drei weiß davon. Das Ende als Katastrophe kennt jeder Leser oder Hörer, fraglich dagegen und spannend bleibt, WIE es zur Katastrophe kommt - offenbar zu solchen Katastrophen überhaupt. Kriege zu stoppen, Militär zu behindern, das rät schon das älteste überlieferte Deutsch, althochdeutsch heißt das heri lezidun – „Heere behinderten sie“, so wird erzählt von den Methoden kluger Frauen in den "Merseburger Zaubersprüchen", und eben dies wird Programm im Nibelungenlied.

Doch ein Siegfried als Friedensritter, das war für Nationalisten eigentlich unbrauchbar, endgültig für Nazis. Überflüssig oder nur irritieren, diese Aventiuren Vier und Fünf. Alle Sorgfalt genauen Erzählens, die Kunst der Klosterschreiber – vertane Mühe. Obwohl schon Zeile 2 von Helden geraunt hatte, von Fuguren, die zu loben wären. Simrock, erster Herausgeber des Epos, übersetzte lobebaer ja dann auch nur ungenau, mit „preiswert“, preiswert ist aber viel eher so etwas wie das Reclam-Textbuch des Siegfried Grosse, mit dem Wortlaut der Handschrift B samt Grosses Übersetzungen und Kommentaren. Wieso ausgerechnet Mönche „Blutsauereien“ ausführlich erzählen mussten, ist tatsächlich schwer einzusehen, vor allem, wenn ganze Aventiuren fast ignoriert blieben, in diesem Fall die Aventiuren 4 und 5.

Schon wenn es in Aventiure Vier (Strophe 207) heißt, dass Sivrit von den Sachsen so manegen sluoc, dann ist sluoc kein irslagan, kein ERschlagen, sondern ein Schlagen als verhouwen. Selbst in grauenhaften Zeiten kämpft Sivrit nicht mörderisch, auch dann nicht, wenn tausende Sachsen nahen (Str. 181). Doch wehren muss er sich, werlîche sluoc er (Str.191), „abwehrend“, in tödlicher Umzingelung rettet er sein Leben - und das der Burgunder, werlîche, „in Notwehr“.

Und holt dann grandiose Erfolge dadurch, dass er sich durchschlägt zum gegnerischen Anführer, jeweils zum König oder zum Herzog, um von ihnen die alte ritterliche Übung zu fordern, Zweikampf, den Tjost der Ritter, Kampf nach ritterlichen Regeln. Und gegen die Anführer gewinnt er, der Niederländer. Und tötet dann die Besiegten nicht – auch das eine fast übliche Regel – sondern er fesselt sie, gefangene Führer überstellt er dem König Burgunds. In den Blut-Epochen der Völkerwanderung schafft er statt Massaker Waffenstillstand, Versöhnung, Frieden. Von nationalistischer Nachwelt lieber ignoriert. Und von Germanisten nach 1945 fast gehütet wie ein Geheimnis, als seien da dem Superhelden peinliche Schwächen passiert.

Diese Grundpointe der geistlichen Autoren, die Vermeidung von Katastrophen, von Krieg, von weinen unde klagen, sie blieb nahezu verborgen, obwohl die Passauer Mönche das so detailliert schilderten, als hätten sie die tausend Seiten des Johannes Fried gekannt, seine „Anfänge der Deutschen“. Da nennt Fried als Fazit „Unerschöpfliches Betrugsarsenal“: Streit, Betrug, Mord, Massaker, nur selten Kluges, Bündnisse, Verträge, Heiraten, Kooperation, Teilen.

Im Nibelungenlied ertragen in entscheidenden Aventiuren kampfbereite Dänen vil grimme leit, weil sie ihren König bezwungen sehen, zwar nicht erschlagen, aber „gefesselt“, (Zitat:) ir herre was gefangen! (Str.192/93). Nun werden sie alle ebenfalls ihr Leben lassen müssen oder, fast noch entsetzlicher, dass sie nun als sigelosen recken ze Tenemarke rîten müssen, „ohne Sieg zurück reiten nach Dänemark“. Sivrit realisiert vom Üblichen das Gegenteil. Die Hauptfigur des Nibelungenlieds ist ein Friedensritter.

Wie den Dänen, so ergeht es auch den Sachsen unter Herzog Liudeger, Vrides bat der, „um Frieden fleht der“. Den gewährt dieser ungewöhnliche Sivrit auch dem Sachsenherzog (Zitat): Do muos Liudeger werden gîsel in Gunthers land, „gefangen im Lande Gunthers“. Sivrit schafft rîche gîsel in daz Guntherez lant, „reichlich Gefangene in Gunthers Land“. Alsô hôher gîsel gewan nie ein künec mêr, „so hochgestellte Gefesselte gewann ein König nie“. „Mann der Arbeit aufgewacht und erkenne deine Macht“, sang Herwegh - wahrlich ein anderer Romantiker als sein Zeitgenosse Wagner.

Eine Pointe ist obendrein, dass der mehrfache Friedensstifter Sivrit, genau besehen, so etwas war wie ein erster Ruhrschmied. 2010 gehörte zur „Europas Kulturhauptstadt Ruhr“ auch Xanten, und von dort aus war um 1200 die Kunst des Schmiedens nirgends besser zu lernen als nur wenig südlich, im Buchen-Ort Bochum oder im Eschen-Ort Essen, an der Ruhr in Orten namens Steele, Schwerte oder Hagen, Orte, in denen Archäologie frühe Eisen-Arbeiten ausgrub und ausgräbt.  

Diese Aventiuren Vier und Fünf sind entscheidend für das große Lehrgedicht, das nur noch bekannt zu sein scheint mit seinem blutigen Finale. Als wäre nicht zeitlos, aber erst recht nach Kriegszeiten wichtig das WIE, wie es hat kommen können und müssen zum Entsetzlichsten. Und nicht nur zu dem im Epos. Wie hilfreich wäre gewesen, Generationen junger Leute, ausgebildet für das Fällen und Fallen, die hätten Genaueres gekannt und zu bewundern gelernt, nämlich Sivrides vernunftnahe Gegenwege.

Dazu gehört das Güter-„Teilen“ mit den Gegnern. Oder wie auch der siegende Xantener Verwundete pflegt, verletzte Feinde, die man im Epos aus dem Schlachtfeld heraus nach Worms bringt auf blutigen Bahren, rôte bâre nennt Strophe 239. Man brâhte sie ze ruowe und scuof in îr gemach. Den wunden man gebettet vil güetlîchen sach. „Man sorgte für ihre Ruhe, für ihr Wohlbefinden. Die Verwundeten sah man liebevoll gebettet.“ (Zitat:) Man schancte den gesunden met und guoten wîn. Dô kunde das gesinde nimmer vroelîcher sîn. Im Heutedeutsch: „Den Unverletzten schenkte man Met und guten Wein. Da ging es unter den Leuten fröhlich zu wie selten“.

Wunne âne mâzen, mit vreuden überkraft heten al die liute (Strophe 270). „Unermessliche Wonne, ja, überschäumend gute Laune hatten am Ende sie alle“. Sivrit hiez der wunden hüeten und scaffen guot gemach / wol man sîne tugende an sînen vianden sach (Str.248). Siegfried „ließ die Verwundeten pflegen und Wohlsein verbreiten, fabelhaft erwies er seine Tugenden – an seinen Feinden“. Und diese Tugenden nebelten kein Vernichten herbei, sondern waren von Grund auf menschenfreundlich. Und das ist der Kern des Lehrgedichts vom Nibelungen.

Das Nibelungenlied lernten leider auch meine Brüder nur kennen als kriegerisches „Heldenlied“. Dabei schildert das Epos so detailliert, als hätte schon der Xantener Sivrit respektiert, was erst nach Weltkriegs-Massakern als „Genfer Konvention“ entstand: Rücksicht auf Verletzte, auf Hilflose. Kaum ruht im Nibelungenlied der Kampf, da organisiert der Xantener Hilfe. Startet am Ende mit den gewesenen Gegnern alles, was der Erholung dienst, am Ende auch Turniere, Sport, Spaß. An einem pfinxtmorgen sah man füre gan fünftausend oder mêre dâ zer hôhgezît / sich huop diu kurzewîle an manegem ende wider strît (Strophe 271). „An einem Pfingstmorgen sah man gut Fünftausend in Festspiele ziehen, zu Kurzweil gegen den Krieg“ – wider strît. Nichts weniger als Wormser Festspiele startet der Siegfried des alten Epos. Die sind der Sache nach initiiert und gegründet von der Zentralfigur des Nibelungenlieds.

Aber auch Versöhnung gelingt hier erst nach gründlicher Aussprache. (Strophe 218): Mit gemeinem rate so lîezen si den strît. Erst „nach gemeinsamer Beratung stoppten sie den Krieg“, also nicht etwa unterm Diktat der Sieger, sondern nach „gemeinsamer“ Beratung von Dänen, Sachsen und Burgundern. Sivrit, seit der Entdeckung der Handschriften aufgeputscht zum kriegerischen Supermann, im Nibelungenlied stiftet er tatkräftig Willkommenskultur“.  Manegen ungesunden sah man vroelichen sît, „viele Verletzte sah man seitdem wieder lebensfroh“ – Mitteilungen aus dem "finsteren" Mittelalter.

Wagnersche Mitteilungen dagegen, nähme man sie beim Wort und das wird ja gewünscht von diesem genialischen Urheber, sie schwanken zwischen grausig und lächerlich. Etwa wenn bei ihm Siegfrieds Großvater seinen Sohn, nämlich Siegfrieds Vater erschlagen lässt für das Ehrgefühl von Siegfrieds Stiefgroßmutter. Oder wenn Wagners Siegfried seinen Ziehvater just so totschlägt wie den Drachen und bedauert, dass die Welt überfüllt sei mit „noch immer Unerschlagenen“. Im Epos des Mittelalters dagegen sorgt Sivrit für festliche Gelage mit Ex-Feinden, der vermeintliche „Totschläger“, er verschenkt seinen Hort. Auch König Gunther „teilt“ dann, praktiziert Teilhabe, schenkt jedem (Zitat:) bi fünf hunderten marken, und etslîchen baz, jedem „fast 500 Mark und etlichen mehr“. Kriemhild ist entzückt. Nicht jedoch Machtfachmann Hagen.

Wie alle jungen Leute, so kannten auch meine Brüder Siegfried nur als Kämpfer und Sieger, und beide mussten oder durften noch im April 1945 an die „Ostfront“, 17- und 19jährig sollten und wollten sie wie Reserve-Siegfriede Berlin retten, „den Führer schützen vorm Iwan“. Auch das neuste Buch über Wagner, 900 Seiten „Die Welt nach Wagner“, auch dieses allseits gelobte Werk kennt weder Wagners „Ring“-Libretto noch das Nibelungenlied.

Im Epos wird der ach so hilfreiche Ritter Sivrit am Wormser Hof zum Berater des Königs, hat er schließlich die Position des Hagen von Tronje – und es entsteht für den Waffenmeister in mehrfachen Schritten auch ein sehr persönliches Mordmotiv. Dô gie der künec Gunther, dâ er Sifriden vant. „Da ging König Gunther umher, bis er Siegfried fand.“ „Nû rât et, wie ich tuo!“ „Rate mir, wie ich handeln soll!“ Dem König rät dieser Mann vom nidderland, sich von den befriedeten Feinden vor ihrem Abzug „Sicherheiten“ geben zu lassen (Strophe 218): Ir sult sie ledeclîchen hinnen lâzen varn / daz die recken edele mêre wol bewarn vîentlîchez rîten her in iuwer lant – des lat iu geben sicherheit. „Freiheit solltet ihr nur geben, wenn diese Recken in Zukunft unterlassen, feindlich in euer Land einzufallen.“ Ja, des lat iu geben sicherheit.

Sicherheit“ ist hier wörtliche Rede dessen, der deutschen Feuilletons und Bildungsbürgern als "Monster" und purer „Totschläger“ gilt, sein Wort „Sicherheit“ steht in den alten Handschriften mit den gleichen Buchstaben wie aktuell im Duden oder in Partei- oder Europa-Programmen. Dem Rat des Sivrit folgt König Gunther, Zitat: des râtes will ich volgen. Alsdann lîezen sie den strît, beenden so den Krieg endgültig. Gibt es in Wagners „Ring“ Friedensschlüsse, Kompromisse, „gemeinsames Beraten“? Unpassende Frage. Wagners „Ring“ hat mit dem Nibelungenlied nicht das Geringste zu tun, schon gar nicht mit dem Schwierigsten, mit Frieden. Es war Bundespräsident Heinemann, der eine fabelhafte Formel hinterließ: „Ernstfall Frieden“.

Und warum fesselte fromme Mönche solch rauer Stoff so sehr, dass sie am Beginn deutscher Literatur aus ältesten Quellen Einzigartiges schaffen konnten? Für sie gab und gibt es nichts weniger als ein biblisch mahnendes Vorbild. Sivrits Methode des Friedenstiftens findet sich Schritt für Schritt im Alten Testament, im zweiten Brief „Könige“ (6,8 bis 21ff). Als da nach einem Sieg Israels über die Syrer die besiegten Syrer nach dem schon damaligen Ritus exekutiert werden sollten, da wird das verhindert von Prophet Elisa. (Z.) „Da fragte der König von Israel den Elisa: Soll ich sie erschlagen? – Da antwortete der Prophet: „Du sollst sie nicht erschlagen. Erschlägst denn du die, die du mit Schwert gefangen hast? Setz ihnen Brot und Wein vor! Lass sie essen und trinken und lass sie dann zu ihrem Herrn zurückziehen.“ Da (immer noch Zitat aus der Bibel) da wurde ein großes Mahl bereitet. Und als alle gegessen und getrunken hatten, ließ der König sie frei. Seitdem kamen Syrer nicht mehr in das Land Israel“.

Geht's noch aktueller? Und Syrien gegen Israel? „Mit Schwert Gefangene“, also Gefesselte, die werden auch im alten Epos „nicht erschlagen“, sondern verwöhnt „mit großem Mahl“. Wagner dagegen, im deutschen Krieg gegen Frankreich, der wünschte flehendtlich „Siegfried, komm wieder.“ Und meinte damit den seinen, so, wie er sich den seit 1848 herbeigefälscht hatte, als einen ur-natürlich Tötenden.

Im selben Jahr 1848 entwarf dagegen Robert Blum, Vorbild für die Hauptfigur der anderen, der ebenfalls 1848 entstandenen Freiheits- und Arbeiteroper, im selben 1848 entwarf Robert Blum, populärster Präsident des Paulskirchen-Parlaments, in seiner letzten Rede in der Paulskirche visionär, statt aller Gewalt „Völkerbünde“ entstehen zu lassen. Drei Monate später füsilierte diesen Blum in Wien kaiserliches Militär. Kurz drauf flehte ein Herwegh-Gedicht: „Erwache, mein Blum, erwache!“ Wagner dagegen, 1870/71, im Krieg gegen Frankreich, er wünschte sich Instinkt und mörderische Stärke seines Siegfried.

Im Nibelungenlied bittet dann König Gunther seinen Berater Sivrit um eine weitere, um eine sehr persönliche Beratung. Gunther begehrt die Isländerin Brunhild, der schwache König sehnt sich offenbar nach der legendären Kraftfrau. Brunhild aber, auch das wird gern ignoriert, ließ Bewerber, die ihr im Zweikampf unterlagen, exekutieren. Der Xantener hilft und rettet auch in diesem Fall, nunmehr Dienst leistend als König Gunthers Brautwerber, Kriemhild zuliebe, daz ist nach iuwern hulden (Strophe 304), so versichert er ihr. In Island kommt es zum Turnier auf Tod und Leben, das Sivrit in nordischer Dämmerung so geschickt laufen lässt, dass es scheint, Gunther sei es gewesen, der Brunhild besiegte - Europas frühester Sportbetrug.

Für die Frauen-Bewegung wurde Brunhild fast zu einer Ikone der unterdrückten Frau, auch hier nur möglich jenseits von Textkenntnissen. Im Epos erklärt sie vor den Prüfungen denen aus Worms unmissverständlich: unt ist, daz ich gewinne, ez get iu allen an den lîp, „falls aber ich gewinne, geht’s euch allen ans Leben“. Der aus dem nidderland hilft auch hier, clever getarnt, so dass Brunhild glauben muss, Gunther habe gesiegt. "Kriemhild zuliebe" vermeidet Sivrit abermals ein vielfaches Kopf-Ab – wan daz in twang ir minne. Listig lässt Sivrit sich in Island als Gunthers Eigenman bezeichnen, als Untertan, was endgültig für Gunther zu sprechen scheint, so dass die Isländderin tatsächlich mitfährt nach Worms, wenn auch in einem Schiff der Frauen.

In Worms kommt es zur Doppelhochzeit – für Sivrit und Kriemhild mit wunne âne mâzen. Sehr anders ist Gunthers Nacht mit Brunhild. Auch sie fesselt. In der Hochzeitsnacht umgürtet sie den König, hängt ihn an einen Nagel in der Wand. Gestehen soll er, dass sie auf Island betrogen wurde. Falls er wieder lügt, verspricht sie ihm weitere Nächte am Nagel. Tags drauf fleht Gunther den Xantener an, ihm noch einmal zu helfen. Tuo ir, swaz du wellest, „mach mit ihr, was du willst“.

Auch diese letzte groze arebeit in der Nacht verrichtet Sivrit korrekt. Er entwendet Brunhild den Kraftgürtel, und zwar in Treue zu Kriemhild wie zu Gunther. Denn im Dunkel der Nacht schafft er’s, den Kraftspender so an sich zu bringen, dass Brunhild auch jetzt glauben muss, Gunther hätte das geschafft. Und da erklärt sie (Strophe 678): ich gewér mich nimmer mêre der edelen minne din, „ich werde mich deiner Minne nie mehr erwehren“. Doch dann folgt keinerlei minne, sondern (Zitat): Sivrit stuont dannen. „Siegfried trat beiseite“, ligen liez er die meit. Meit meint damals „Jungfrau“. Dar zuo nam er ir gürtel. Sivrit schläft also nicht mit Brunhild. Kaum hat er den Gürtel, tritt er zur Seite, stuont dannenDone was ouch si niht sterker dann ein ander wip, aber „da war auch sie nicht stärker als jede andere Frau“.

Noch in derselben Nacht kehrt er zurück in Krimhilds Kemenate, und der verspielte, dieser verfrühte Tyll Eulenspiegel schenkt seiner Kriemhild Brunhilds magischen Gürtel. Die aber ist sich sicher, ihr Liebster habe mit der Isländerin geschlafen. Als am nächsten Doppelhochzeitstag in Worms wieder Turnier ist, wo Sivrit auch jetzt immer wieder gewinnt und Brunhild und Kriemhild den Zweikämpfen zuschauen,da  geraten die Frauen an die Frage, welche von beiden denn wohl den großartigeren Gemahl habe. Brunhild sagt, in Island habe Sivrit sich Gunthers eigenman genannt, einen Untertan des Königs. Kriemhild protestiert entschieden, ihr Sivrit sei niemandem untertan.

Der „Sachsenspiegel“, ein erstes deutsches Gesetzbuch, entstanden um 1200 wie das Nibelungenlied, in diesem frühen Vorbild des Grundgesetzes sagt der Verfasser Eike von Repkow zum Begriff eigenmann (Zitat): „… kann ich es niemals für Wahrheit halten, dass jemand eines anderen Menschen Eigentum sein sollte.“ Da wird deutsch erstmals Freiheit formuliert, nicht als Recht des Stärkeren, schon gar nicht als des Mannes Beuterecht wie im hochromantischen „Ring“, sondern Freiheit als Menschenrecht.

Vor dem Betreten des Doms will dann Brunhild, dass Kriemhild ihr in der Kirche den Vortritt lässt, ihr, der neuen Königin Burgunds. Da öffnet Kriemhild ihren Mantel, zeigt am eigenen Körper Brunhilds Gürtel. Den habe ihr letzte Nacht ihr Liebster geschenkt. Offenbar schlafe Brunhild auch mit denen, die sie für Untertanen halte, sie sei also eine Nebenfrau ihres Liebsten. Empörter Skandal. König Gunther befiehlt, Sivrit solle in einem öffentlichen Eid Kriemhilds Aussage widerrufen. Der Xantener will das sofort schwören, doch da bricht Gunther den Eid ab. Dann aber, in der inneren Burg, da macht Hagen dem König klar, dieser „närrische“ Niederländer, der mache Burgunds König lächerlich, stifte nur noch Schaden. Schaden ist in Roms Rechtsprechung ein Kapitalverbrechen. König Gunther stimmt Hagens Mordplan zu.

Zu fürstlichen Festen gehört eine Jagd. In Worms jagt man nicht oben im Odenwald, das Epos schildert kein Wettklettern. Jagdgelände war der wildernde Rhein, südlich von Worms. Sivrit, übermütig, führt da an bloßer Hand einen Bären heran, lässt das Tier los, nicht etwa, um wie Wagners Siegfried einen Zwerg zu schrecken, sondern die Wormser Herrschaften. Der Bär schafft ûngemach, rumpelt als erstes durch die kuchen, kippt alle Fässer um, verschüttet den Wein, so dass es für die feinen Jäger nichts mehr zu trinken gibt. Sivrit schlägt ein Wettrennen vor dorthin, wo er unter einer mächtigen Esche eine starke Wasserquelle entdeckt hat. Ortskundige Forscher fanden, über der stärksten Quelle südlich Worms steht heute die Großkläranlage der BASF, vormals IG Farben. Welch ein Mord-Ort.

Zum Wettlauf schultert Sivrit auch seinen schweren Speer, erreicht auch mit dem zusätzlichen Gewicht und Hindernis als Erster die Quelle, lässt dort jedoch, höflich, zuerst die Herrschaften trinken. Swie harte so in durste. Als endlich auch er sich bückt und trinkt, stößt Hagen den Speer in seinen Rücken. Den Leichnam lässt Hagen nachts ablegen vor Kriemhilds Kammer. Sie wird wach, entdeckt ihren Liebsten – dô begonde Kriemhilt vil harte unmaezlîche klagen.

Diese erste Hälfte des Epos erzählt mehrfach, wie Sivrit Burgund rettet. Vor Sachsen, vor Dänen, vor Isländern, zuletzt den König vor Brunhild. Die zweite große Hälfte des Epos wird zu Kriemhilds Versuch Richtung Recht. Da akzeptiert die Witwe schließlich die Werbung des Hunnenkönigs Etzel, des Attila-Sohns. Vom hochhöfischen Hochzeitsmahl mit Etzel berichtet das Epos Konjunktive: Wie Kriemhild ze Rîne saeze, sie gedâht’ ane daz / bî ir edelen manne; ir ougen wurden naz / si hetes vaste haele. „Wie es gewesen wäre, wenn sie auch jetzt am Rhein säße, daran dachte sie, wie es nun immer noch hätte sein können mit ihrem einzigartigen Mann. Ihre Augen wurden nass. Das aber hielt sie geheim.“ Denn wie ihre Liebe so ist auch Kriemhilds Verletzung endlos.

Nach Jahren lädt die neue Hunnenkönigin die Burgunder ein in den Osten, in den Orient. Weil die ahnen, wie das enden könnte, nennen sie sich nun Nibelungen. Nach Hagens Propaganda ist ihr neuer Name ein Drohung, Furcht erregend. Auf Etzels Burg Esztergom über der Donau, dô sluoc daz kint Ortlíeben Hagen der hélt, „da tötete Hagen, der Held, das Kind Ortlieb“, Kriemhilds Kind. … dô huop sich under degenen ein mort vil grimme unde grôz, da kommt es zu allergrausigstem Morden. Tagelang, nächtelang Einzelkämpfe, von Fall zu Fall entsetzlich.

Am Ende sind die letzten Überlebenden in brennender Halle isoliert, gibt's zum Trinken nur noch das Blut der Gefallenen. Als Letzte leben Gunther und Hagen, sie werden gefesselt. Weil Gunther den Mord an Siegfried nicht bereut, köpft ihn die neue Hunnenkönigin,  Kriemhild köpft ihren Bruder. Als Hagen gleichfalls nicht bereut und nicht verrät, wo er im Rhein Sivrits Hortgeschenk versenkte, köpft sie auch Hagen. Da gibt Kaiser Dietrich von Bern seinem Waffenmeister Hildebrandt einen Wink, Hildebrandt enthauptet Kriemhild. „Hie hat daz maere ein ende: daz ist der Nibelunge not“. Letzte Zeile, letztes Wort des Epos. Die anderen Handschriften enden mit dem Wort liet oder mit leit, die St. Galler Fassung nennt die Katastrophe angemessen. Not.



Das enorme Lehrstück gegen blutigste Zeiten öffnete in der ersten Hälfte ritterlich humane Wege, auch gegen solche (Zitat), di suochent her, „die suchen zu verheeren“,  auch bloß gegen solche, di tragent grozen hazz. Das Nibelungenlied ist ein Europa-Dokument von Mitmenschlichkeit, benötigt weder Götter noch Halbgötter, für bittere Katastrophen reicht Hass, reichen Menschen im Machtwahn.

Wagner wollte in seinem Siegfried einen Unbedingten schaffen, „vollkommen frei“, frei zur Macht, auch frei von Demokratie. Tony Morrisson, Trägerin des Nobelpreises, nannte kurz vor ihrem Tod den rassistischen Präsidenten der USA einen „faschistischen Idioten“. Es fällt schwer, nicht auch Wagners Siegfried so zu sehen, kindisch hörig den Gesetzen der Stärke und des Blutes. Trumps Vater hatte dem Sohn als oberstes Gebot gelehrt: „killing“, töten. „Macht niemals teilen“.

Erst kürzlich fand sich ein Wagner-Brief von 1848, aus der Zeit seiner ersten „Ring“-Pläne, Ende 1848. Sein Brief an Sachsens König definiert Königtum als göttliches Erbe. Als Abwehr gegen Demokratie, die er, Wagner, ablehne  (Zitat), „das weil das Wesen eines Freistaats“ keineswegs darin begründet sein dürfe, „dass die höchste Staatsgewalt in periodischem Wechsel an Einzelne aus dem Volk zu erteilen sei, sondern weil, im Gegenteil, erbliches Königtum seiner Natur nach Freiheit am vollkommensten gewährleistet, nämlich dann, wenn der König in sich die Freiheit ALLER vereinige. Dieser Gedanke riss mich mit künstlerischer Begeisterung hin, als Ideal meines Freiheits-Begriffs. Als Beglückung des Menschengeschlechts.“ 



Wagners Siegfried wurde weltberühmt. Nicht der Sivrit des Epos. Bekannt wurde der des Nibelugenlieds nicht mal im Deutschsprachigen. Auf einem sehr alten isländischen Blatt sieht man über dem Drachen NidGir („Neidgier“) die Esche Yggdrasil. Der Weltenbaum nagt der Drache, NidGir. Auf dem alten Blatt wuselt am Baum der Welt aber auch ein Eichhörnchen, und die uralte Inschrift teilt mit, die Eichkatze sei emsig beschäftigt (Zitat), „missgünstige Nachrichten zu verbreiten“. Sehr früh schon also gab es Text und Bild fürs Vermitteln. Dem wir seit je ausgeliefert sind.



Eine erste Rezension des Nibelungenlieds, eingefügt in einige Handschriften, beklagt das Verurteilen Kriemhilds als „Sünderin“. Für Kriemhild habe es Richtung Recht andere Wege nicht gegeben. Botschaft des Epos sei einzig die Sünde der avaritia, des Geizes und der Machtgier. Die seien Ursache für den Mord an Sivrit und für das Unrecht an Kriemhild, für alles Welt-Übel.

Das Nibelungenlied als riesiger Appell für Frieden, gegen Krieg – passt das ins Mittelalter? Sivrit/Siegfried als Pazifist, ist das historisch denkbar? Friedenswünsche beherrschen schon älteste Schriften. Nicht nur die Bibel mit Prophet Elisa und ausgerechnet bei einem Krieg zwischen Israel und Syrien. Wolfram von Eschenbach im „Willehalm“ klagt bei Gemetzeln zwischen Abend- und Morgenland, also bei einem der blutigen Kreuzzüge: Ouwé nu des mordes / der da geschach ze bêder sît. „Weh über das Morden auf beiden Seiten“.

Noch älteres, offenbar ältestes überliefertes Schriftdeutsch sind die „Merseburger Zaubersprüche“. Die beschwören Wege, die danach das Nibelungenlied  geradezu punktgenau realisiert, und zwar ganz im Sinn des Propheten Elisa, ohne dass deswegen die Passauer Verfasser ihre Sivrit-Figur auch nur ansatzweise ins religiös Prophetische hätten verklären müssen. So wie die Sivrit-Figur des Nibelungenlieds seit der Entdeckung der Handschriften gefälscht wurde, so hatte sie ab dann einzigartige Ausstrahlung als Figur für denkwürdigen Führerkult. Das Wissen der Zauberinnen Idisi blieb da freilich unbeachtet, ihr Wissen fand sich als althochdeutsche Notiz in einem frommen Lateinbuch, galt als „Zauberformel“. Schon da geht es jedoch ums Konkrete, ums „Fesseln“:


Eiris sazun idisi – „einst hockten kluge Frauen“ – Hexen, die heckten sich was aus –

Suma hapt heptidun – „einige hefteten Haftendes“ – fesselten  

Suma klubodun – „andere klaubten“ – öffneten Fesseln

Suma heri lezidun – „einige bremsten das Heer“ – fesselten es


Da blockieren Idisi, weise Frauen, das Heer, das Militär. Als wäre dies persönlich notiert von Sivrit, dem ja „bekannt waren viele Reiche“, Anderswelten, wahrscheinlich auch den Schmiede- und "Eschen-Ort" Essen, später tausend Jahre lang ein Ort hochadeliger einsamer Frauen in einem Äbtissinnenstift. Davor, im ältesten überlieferten Deutsch, da wussten und erzählten Idisi - kluge Frauen - , wie Frauen Militärisches blockieren.

Schon beim „Entdecken“ der Handschriften verdrehten und entfesselten „Germanisten“ das Epos ins Nationale und Kriegerische, fanden die gefunden Schriften faszinierend für Deutschland, endgültig fesselte es die Nazis. Freilich nicht die Aventiuren Vier und Fünf, falls die überhaupt noch gelesen wurden. Das Ganze wurde verkürzt und hoch geputscht unterm Leitbild einer totschlagenden Siegesfigur, geeignet für Völkermord. So lernte auch ich das kennen, Siegfried und seine Geschichte. Vor mir mehrere Generationen. Auch meine großen Brüder, die dann noch den Einsatz an der „Ostfront“ zu leisten hatten, noch im April 1945 zur Rettung Berlins und Hitlers, was sie mit 17 und 19 wunderlich überlebten und worüber beide niemals reden wollten – oder konnten.

Da der Beginn des großen Epos meist unbekannt blieb, blieb unverständlich, warum und wie Geistliche zu Autoren werden konnten von entsetzlichsten Ereignissen im schaurigen Blutfinale des Nibelungenlieds. Nach wie vor, wenn überhaupt noch mal eine Rede auf Siegfried kommt, wird die Zentralfigur des Epos vermischt und verwechselt mit derjenigen Wagners, Sivrit und Siegfried werden abwechselnd erörtert als „deutsche Monster“ oder als „Sieges-Idole“, in jedem Fall entstellt. Auf einer Tagung jetzt hörte ich Deutschlehrer seufzen über „dies Nazi-Zeug“, da ging's ums Nibelungenepos.

Je mehr Wagners Musik fasziniert, desto seltener kamen Zwischenrufe, etwa der, dass der Opern-Kaiser als Dichter verheerende Kleider trug, irritierend für jeden, der Helden höchstens dort sieht, wo das Schwierigste gelingt, der Ernstfall Frieden. Im alten Epos gelingt der in verdrängten glänzenden Szenen. In Lebenslustbildern voller Versöhnungen und Festlichkeiten, in ritterlichen Turnieren und am Ende in Festspielen. Mit allem ironischen Ernst sei hier festgestellt, die Wormser Festspiele gründen zutiefst auf der literarischen Figur des Friedensritters aus der Zeit, in der Siegfried noch Sivrit hieß. Da nämlich, da war er voller übermüeten und vreuden überkraft alttestamentarisch weise, ahi, ir zîten und hohgezîten. Wörtlich so bejubelte ihn Paul Celan, den dann deutscher Wahnsinn in Wahnsinn trieb.

Sivrit wurde sozusagen ein zweites Mal ermordet, als Literaturfigur beseitigt. Verfälscht zum Vorbild und Leitbild für Millionen Fallende, für junge Opfer. War einst hervorgegangen aus hellsichtigen Schreibstuben des Hochmittelalters. Und bleibt in Wirklichkeit immer noch zu entdecken. Gehörte längst tief hinein in Europas Gedächtnis und Grundverständnis, als ein früher, ein für manchen viel zu früher Weltbürger. Nähme man den endlich zur Kenntnis, endlich buchstäblich, dann würde schon im Nibelungenlied eine Weisheit sichtbar, die man nur demokratisch zu nennen hätte, die Weisheit des „Teilens". Und dann auch wieder das archaische Sinnbild des Drachens, diese zeitlos magische Figur für Besitz- und Machtwahn.

Die Autoren des Epos um 1200, sie kannten noch die antiken Tragödien. Kannten natürlich auch das Alte Testament mit den Königsbriefen, mit Prophet Elias. Sehr wahrscheinlich auch, aus dem frommen Lateinbuch, das andere Deutsch, das Althochdeutsch der „Zaubersprüche“.

Früh, als Kind schon hatte ich es vom "Küssen". Als im Nachbarhaus ein Baby geboren wurde, "ein kleines Mädchen", fragte ich beim Blick in den Kinderwagen: "Darf ich es mal küssen?" Und höre später, wie die Großen das wiederholten, besonders das "es" - "darf ich es mal". Als die Mutter und ich dann unterm Bomben-Alarm wieder mal hinaus in den Stadtwald rennen mussten, in den Schutz der Kohlenzeche Funke hinunter, da, unterwegs, zeigte sich am Himmel Unvergessliches. Dem Siebenjährigen und der Mutter. Sie blieb stehen und sah mit anderen Erwachsenen, die gleichfalls stehen geblieben waren, was sich da oben ereignete. Da flogen "Feinde", und da explodierten Abwehrgeschosse von "Fliegerabwehrkanonen" der FLAK. Und da flog eines der Bombenflugzeuge im Geschwader der "Feinde" langsamer, das fiel zurück, der Bomber blitzte, torkelte, stürzte dann herunter, übel heulend,  und schlug auf, mit Explosionen, im Wald über der Ruhr. Und nie vergessen wurde dann in der Familie, was ich beim Weiterrennen der Mutter unbedingt hatte zurufen müssen. "Am Himmel steht aber immer noch die Kuh." Im Rennen hat sie hoch geschaut, hat genickt. "Jaja, die Kuh. Als Kinder haben wir das auch gesagt. Aber das heißt nicht Kuh. Das heißt Orion. Nach einem Helden. Der war aber nur ein Lügner, ein Angeber. Gab an, Göttinnen hätten ihn geküsst." "Göttinnen?" hab ich gefragt. "Ja. Und die haben ihn zur Strafe an den Himmel geklebt, den Orion. Zur Strafe, für immer an den Himmel. Als Rindvieh."